Gut für
Klima und
Wirtschaft
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Kristina Simons

Power-to-X-Erzeugnisse, wie synthetische Kraftstoffe, die aus grünem Strom hergestellt werden, spielen eine wichtige Rolle, um unter anderem den Verkehrssektor klimafreundlicher zu machen. Zugleich kurbeln sie Wirtschaft und Arbeitsmarkt an. Das zeigt ein Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).

ben erst hat das scheidende Bundeskabinett sein Klimaziel verschärft: Bis 2030 soll der CO2-Ausstoß im Vergleich zu 1990 um 65 Prozent sinken, bis 2045 will das Land jetzt klimaneutral sein. Gerade im Verkehrssektor sind die Emissionen aber noch viel zu hoch. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat kürzlich im Auftrag der drei Verbände UNITI, IWO und MEW untersucht, welche Wertschöpfungseffekte sich aus einem Hochlauf der Herstellung strombasierter flüssiger Energieträger ergeben würden. Das Ergebnis ist eindeutig: Für Wirtschaft und Arbeitsmarkt wäre es ein Gewinn. Durch Investitionen in Elektrolyseure zur Herstellung von grünem Wasserstoff und Power-to-X-(PtX)-
Anlagen, die ihn anschließend in grüne synthetische Flüssigkraftstoffe umwandeln, können sowohl europäische Anlagenhersteller als auch die Wirtschaftsstandorte vor Ort profitieren.
Konkret heißt das: Die Wirtschaft in Europa könnte sich über eine zusätzliche Wertschöpfung von jährlich 80 Milliarden Euro freuen, wenn Elektrolyseure in EU-Staaten gebaut und in außereuropäische wind- und sonnenreiche Regionen exportiert würden. „Dazu zählen beispielsweise Nordafrika und der Nahe Osten, wo erneuerbarer Strom deutlich kostengünstiger produziert werden kann als an europäischen Standorten“, sagt Thilo Schaefer, Leiter des Kompetenzfeldes Umwelt, Energie, Infrastruktur beim IW und einer der Autoren der Studie. In Europa könnten dadurch 1,2 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen, insbesondere im Maschinen- und Anlagenbau und durch die Nachfrage nach Vorleistungsgütern. In den außereuropäischen Ländern könnten durch die PtX-Produktion 330.000 Jobs geschaffen werden. Zugleich würde hier die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien gestärkt und der Strommix somit grüner.

EU hinkt (noch) hinterher
Obwohl sich der Weltmarkt für Elektrolyseure und PtX-Anlagen in den letzten 20 Jahren verdoppelt hat, fand das Wachstum größtenteils außerhalb Europas statt. „Bisher fehlte in Europa einfach die Nachfrage“, sagt Schaefer. „Inzwischen tut sich hier aber etwas und es werden mehr Elektrolyseure gebaut. Das ist auch dringend nötig.“ Elektromobilität sei zwar ebenfalls wichtig, um den Verkehrssektor klimafreundlicher zu machen. Sie erfordere allerdings einen massiven Ausbau der Ladeinfrastruktur. Auf mittlere Sicht werde der Verbrennungsmotor in vielen Weltregionen weiterhin eine große Rolle spielen. „Erneuerbare flüssige Energieträger sind zwar in der Herstellung noch relativ teuer, können aber ohne Probleme in den bestehenden Verbrennungsmotoren genutzt werden.“ Sie lassen sich sehr gut speichern, haben eine hohe Energiedichte und können mithilfe bestehender Infrastrukturen auch über große Strecken kostengünstig transportiert und anschließend verteilt werden. „Von Pipelines über Tanker und Tanklager bis hin zum ausgebauten Tankstellennetz ist alles bereits komplett vorhanden.“
Politische Weichenstellungen nötig
Ein Endverbraucherpreis zwischen 1,38 Euro und 2,17 Euro für einen Liter synthetischen Dieselkraftstoff ist laut anderen Studien gut vorstellbar. Voraussetzung seien allerdings politische Rahmenbedingungen, die offen für verschiedene klimaneutrale Technologien sind. „Synthetische Kraftstoffe müssen als emissionsfreie Kraftstoffe anerkannt und damit Biokraftstoffen gleichgestellt werden“, sagt Schaefer. „Im neuen Brennstoffemissionshandelsgesetz ist das noch nicht eindeutig geregelt.“ Auch bei den CO₂-Flottengrenzwerten der EU würden sie nicht als klimaneutrale Kraftstoffe angerechnet. Zudem müssten sie, wie schon andere klimafreundliche Alternativen, gefördert werden, etwa steuerlich. Nur so hätten synthetische Kraftstoffe eine Chance. „Inzwischen sehen wir hier eine gewisse Bewegung – sowohl in Berlin als auch in Brüssel.“
„Synthetische
Kraftstoffe müssen als emissionsfreie Kraftstoffe anerkannt und damit Biokraftstoffen
gleichgestellt werden.“

Thilo Schaefer,
Leiter des Kompetenzfelds Umwelt,
Energie, Infrastruktur beim IW
und einer der Autoren der Studie