Interview Gerhard Walter

Für Andreas Rimkus (SPD), Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Energie und stellvertretendes Mitglied im Verkehrsausschuss des deutschen Bundestags, ist klar: Grüne synthetische Kraftstoffe sind eine sinnvolle Ergänzung zur Elektromobilität. Der Sozialdemokrat sagt auch, warum eine Strategie für den Import von grünem Wasserstoff und seinen Folgeprodukten überfällig ist.

„Mit Elektrifizierung allein wird die Energiewende nicht gelingen“

Zugespitzt formuliert: Zunächst einmal liegt in der erneuerbaren Wasserstoffwirtschaft grundsätzlich die Chance, die Energiewende überhaupt zu bewerkstelligen. Denn wie gesagt, nur mit Elektrifizierung geht es nicht – und das sage ich wohlgemerkt als Elektromeister und Stadtwerker. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis wir mit Brennstoffzellen kommerziell fliegen können, geschweige denn mit Batterien. Außerdem können wir uns beim Klimaschutz im Verkehr nicht allein auf Neufahrzeuge begrenzen. Deshalb sind synthetische Kraftstoffe auf Wasserstoffbasis eine sinnvolle Ergänzung für die Verkehrswende. Auch für den 40-Tonner auf der Langstrecke ist ein rein batterieelektrischer Antrieb weder sinnvoll noch effizient, hier braucht es die Brennstoffzelle. Das gilt zum Teil auch für bisher nicht elektrifizierte Schienenstrecken. Klimaneutralen Stahl und entsprechende Folgeprodukte gibt es nur mit Wasserstoff-Direktreduktion. Wir können auch nicht innerhalb der nächsten ein, zwei Dekaden im kompletten Gebäudebestand die Heizungsanlage herausreißen und auf Wärmepumpe und Fußbodenheizung umstellen. Auch hier können Wasserstoff, Brennstoffzellen und synthetische Brennstoffe einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, den wir dringend für die Sektorziele brauchen – und der uns zudem erhebliche Wertschöpfungspotenziale bietet. Kurzum: Wasserstoff kann und muss in jedem Sektor einen Beitrag zur Energiewende leisten. Trotzdem ist es natürlich sinnvoll, darüber zu diskutieren, in welchem Bereich wir den auf absehbare Zeit noch sehr knappen grünen Wasserstoff mit höherer Priorität einsetzen; ein knappes Gut muss ich rationell zuteilen, na klar. Diese Diskussion wird ja auch sehr lebhaft geführt. Ich persönlich bin der Auffassung, dass es sinnvoll wäre, zunächst einmal für einen möglichst schnellen Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft zu sorgen. Ich sehe beispielsweise keine Gefahr von Stranded Investments im Bereich der synthetischen Kraftstoffe, wenn wir diese – zeit- und mengenmäßig begrenzt – auch im Fahrzeug bestand beimischen und so die industrielle Skalierung vorantreiben. Denn wenn wir irgendwann alle Fahrzeuge auf Batterie oder Brennstoffzelle umgestellt haben, wird es immer noch genügend Bedarf in anderen Bereichen geben, beispielsweise in der Luft oder auf dem Wasser. Andererseits könnten wir hier schon mit einer kleinen Beimischung zu fossilen Kraftstoffen nennenswert Klimaschutz betreiben und zudem sehr wirksam die Nachfrage stimulieren. Das hilft auch der Industrie: Dort wird die Umstellung noch ein paar Jahre dauern, und der Weg führt hier möglicherweise auch über die Erdgasbrücke. Dann aber wird der Bedarf für erneuerbaren Wasserstoff in kurzer Zeit stark ansteigen. Für die Industrie ist es vorteilhaft, wenn die Wasserstoffwirtschaft dann bereits eine gewisse Dimension erreicht hat, national wie international, denn das führt zu sinkenden Kosten. Grundsätzlich gilt: Wenn wir es mit Klimaschutz und industrieller Transformation ernst meinen, sollten wir alle Möglichkeiten nutzen, die uns zur Verfügung stehen.

Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt enorme Wertschöpfungs- und Arbeitsmarktpotenziale für die europäische Wirtschaft hinsichtlich Power-to-X auf. Was muss Europa zur Realisierung jetzt leisten?

Europa, insbesondere die EU, steht vor einer schwierigen Herausforderung: Die einzelnen Nationen haben bei der Energiewende teilweise sehr unterschiedliche Ansprüche und Möglichkeiten hinsichtlich der Transformationsperspektive, der Geschwindigkeit, der Standortbedingungen etc.. Ein Stück weit muss das auch erlaubt sein, wenn man Überforderung, Strukturbrüche und Spaltung vermeiden will. Andererseits braucht es gemeinsame Ziele und Verbindlichkeiten, wenn wir nicht nur ganz konkret die Klimaneutralität erreichen wollen, sondern auch Geschlossenheit und Handlungsfähigkeit demonstrieren wollen – was heute wichtiger denn je sein dürfte. Power-to-X, also die Gesamtheit der zur Verfügung stehenden Sektorkopplungstechnologien, ist das Schlüsselelement der Energiewende in allen Sektoren – auch und gerade hier braucht es also gemeinsame Ziele. Deshalb müsste der EU Green Deal flankiert werden von einem europäischen Masterplan Sektorkopplung; mit der EuropäischenWasserstoffstrategie ist der Grundstein dafür gelegt. Strom- und Gasinfrastruktur, EE-Erzeugung, Elektrolyse – dies alles sollte dabei zunehmend integriert, geplant und realisiert werden, auch grenzüberschreitend. Erste Ansätze dafür sehen wir in Plänen für transnationale Großprojekte, beispielsweise in der Nordsee. Diese Projekte müssen europäisch vorangetrieben werden. Andererseits dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass die Energiewelt von morgen insgesamt deutlich dezentraler sein wird als heute. Das bedeutet, dass regionalen und lokalen Projekten bis hinunter zu Lösungen auf Quartiersebene eine erhebliche Bedeutung zukommen wird. Dabei sind die Bedingungen und Ansprüche vor Ort ganz unterschiedlich. Dementsprechend muss die Regulierung, die zu einem maßgeblichen Teil auch von der EU kommt, flexibel genug sein, damit solche Lösungen, die in höchstem Maße effizient, nachhaltig und wirtschaftlich sind, nicht behindert werden. Die anstehenden Regulierungsvorhaben müssen deshalb zwar ambitionierte Klimaschutzziele vorgeben, auf dem Weg dorthin aber dem Prinzip der Technologieoffenheit folgen.

Herr Rimkus, derzeit gibt es teils heftige politische und öffentliche Debatten zur Klimazielerreichung. Nicht zuletzt das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Klimaschutzgesetz hat das Thema weiter angefacht: Für welche Forderungen, Vorschläge und Maßnahmen beim Klimaschutz im Energie- und Verkehrsbereich wird die SPD im Wahlkampfsommer 2021 stehen?

Welche Potenziale und Chancen verbinden Sie mit dem Einsatz von strombasierten und auf Wasserstoffbasis hergestellten klimaneutralen Kraftstoffen, sogenannten E-Fuels?

E-Fuels haben einen großen Vorteil und einen großen Nachteil. Der große Nachteil ist, dass ihre Herstellung sehr energieintensiv und damit wenig effizient ist. Der große Vorteil hingegen ist, dass sie neben Biokraftstoffen, die mit eigenen Vor- und Nachteilen einhergehen und deren mengenmäßiges Potenzial ebenfalls begrenzt ist, die einzige Möglichkeit darstellen, um Klimaschutz in den Bestand der Verbrennerflotten zubringen. Wenn ich nun weiß, dass die Umstellung auf alternative Antriebe bei Neufahrzeugen nicht reicht, um die Sektorziele zu erreichen, und danach sieht es aus, dann muss ich mich entscheiden: Will ich das Sektorziel aufgeben? Oder will ich es erreichen und nehme dafür in Kauf, dass ein zusätzlicher, überproportionaler Bedarf an erneuerbarer Energie entsteht? Ich vertrete letztere Position, denn sie dient in meinen Augen nicht nur dem Klimaschutz, sondern auch dem industriellen Wertschöpfungspotenzial. Der gordische Knoten, den es zu durchschlagen gilt, lautet EE-Ausbau, nicht in erster Linie Effizienz – Effizienz hilft, ist aber kein Allheilmittel. Wie ich schon angedeutet hatte, sollte man hierbei auch nicht vergessen, welche Auswirkungen der Hochlauf von E-Fuels auf die Wasserstoffwirtschaft insgesamt hat. Je früher sie im großindustriellen Maßstab hochskaliert, desto schneller werden erneuerbarer Wasserstoff und höhere Syntheseprodukte konkurrenzfähig gegenüber fossilen Alternativen und desto eher werden diese vom Markt verdrängt. Im Portfolio der Energiewendetechnologien haben E-Fuels deshalb durchaus ihren Platz. Von Flüssiggas bis grünen Ammoniak, wir müssen die verschiedenen Optionen einem Praxistest unterziehen. Gleichwohl ist es sicherlich richtig, die Transformation bei den Antriebstechnologien voranzutreiben und bei Neufahrzeugen so stark wie möglich auf Brennstoffzelle und Batterie zu setzen, je nach Anwendungsfall. Grundsätzlich sollten wir die zur Verfügung stehenden Technologien nicht gegeneinander ausspielen, sondern zulassen, dass sie einander ergänzen, wohlgemerkt ohne sich zu behindern. Nur so kann dieVerkehrswende gelingen.

Stichwort Sektorkopplung: Welche Chancen liegen in einer Wasserstoffwirtschaft? Wie können verschiedene Sektoren profitieren?  

Erneuerbare Energien sind in Deutschland nur begrenzt verfügbar: Welche Rolle können Energieimporte aus EE-Strom günstigen Standorten spielen und in welcher Form sollte diese Energie zur Verfügung stehen?

Die neuen, ambitionierteren Klimaschutzziele sind richtig. Dementsprechend auch die Anpassung der Sektorziele im Klimaschutzgesetz. Es ist aber von enormer Wichtigkeit, dass wir auch einen Weg beschreiben, wie wir diese Ziele erreichen können. Dabei müssen wir ambitionierte Klimaschutzmaßnahmen in ihrer finanziellen Auswirkung sozial und industriepolitisch abfedern. Konkret bedeutet das, dass wir nicht nur strengere Vorgaben machen dürfen. Wir müssen uns auch anstrengen, um möglichst viel von dem industriellen Wertschöpfungspotenzial mitzunehmen, das in der Energiewende liegt, angefangen beim massiven Ausbau der erneuerbaren Energien, über die Wasserstoffwirtschaft einerseits, Elektrifizierung andererseits, bis hin zur Kreislaufwirtschaft. Die Technologien der Energiewende müssen vorangebracht, die Transformation der Industrie muss auch staatlich gefördert werden – beispielweise beim Aufbau von Ladeinfrastruktur, Elektrolyse oder dem Wasserstoffnetz. Und im Bereich der Wärmeversorgung dürfen die Mehrkosten nicht allein bei den Mietern hängen bleiben – hier müssen wir auch die Eigentümer in die Pflicht nehmen.

Deutschland ist als Industrienation auf Energieimporte angewiesen. Der Import von Energie wird deshalb auch in Zukunft notwendig sein, vor allem in Form von erneuerbarem Strom und auch in Form von erneuerbarem Wasserstoff oder seinen Derivaten. Diesen Import sicherzustellen, ist eine Voraussetzung von strategischer Dimension für unseren Wohlstand, aber auch für unsere Transformation. Zugleich will ich noch einmal betonen, wie wichtig es ist, dass wir auch zu Hause so viel Potenzial wie möglich ausschöpfen. Deutschlands größte Verantwortung liegt meiner Einschätzung nach gar nicht so sehr im größten absoluten Klimaschutzbeitrag; das ist gar nicht möglich angesichts der globalen Verteilung der Emissionen. Wir stehen vielmehr in der Pflicht, den Beweis anzutreten, dass Klimaschutz funktioniert und wie er funktioniert und dass man damit wirtschaftlich erfolgreich sein kann, und zwar bei gleichzeitigem Erhalt eines starken sozialen Netzes. Das ist unsere historische Herausforderung. Denn Erfolg erzeugt Nachahmer – auf der ganzen Welt. Das heißt: Wir müssen es vormachen, auch bei der Erzeugung erneuerbarer Energien. Damit einhergehen muss eine Importstrategie, die einerseits unseren Bedarf über die Eigenversorgung hinaus deckt und die andererseits ganz eigene Chancen mit sich bringt. Mit der Erzeugung erneuerbarer Energie kommen international neue Player auf die Spielfläche, die ihre Standortvorteile ausspielen können. Und eine zunehmende Diversifizierung und Demokratisierung der globalen Energiemärkte bietet hier nicht nur Exportpotenzial für Industrienationen, sondern geht zwangsläufig auch einher mit Wissens- und Technologietransfer. Das ist dann echte Entwicklungszusammenarbeit auf Augenhöhe. Nicht Neokolonialismus, sondern Win-win – das ist zugleich der strenge Anspruch, aber auch das große Potenzial, wenn daraus dann neue Energiepartnerschaften Deutschlands und Europas mit dem Rest der Welt entstehen. In welcher Form diese erneuerbare Energie dann zur Verfügung steht, wird sich vor allem nach der Nachfrage und den Kosten richten. In diesem Kontext finde ich übrigens die Initiative von Olaf Scholz für einen internationalen Klimaclub sehr begrüßenswert, der unter anderem zum Ziel haben soll, einen verlässlichen Rahmen und Leitmarkt für klimafreundliche Investitionen zu etablieren.

Mit der Nationalen Wasserstoffstrategie hat die Bundesregierung den Grundstein gelegt für den Hochlauf einer Wasserstoffwirtschaft, die wir im Sinne der Sektorkopplung und einer integrierten Energiewende für alle Sektoren brauchen. Wichtig ist aber auch, dass diese Strategie ein lebendiges Dokument bleibt – ich habe schon damals sehr deutlich gesagt, dass es sein kann, dass wir an der einen oder anderen Stelle nachbessern müssen. Olaf Scholz hatte sich seinerzeit sehr für ein ambitioniertes Ziel beim Ausbau der nationalen Elektrolyseleistung eingesetzt – aus heutiger Sicht zeigt sich mehr denn je, dass das richtig war. Ich glaube, dass die Marke von 5 Gigawatt bis 2030 respektive 10 Gigawatt bis 2040 zu niedrig angesetzt ist, gerade auch im Lichte der angehobenen Klimaschutzziele. Es gibt zahlreiche Industriesparten, Verkehrsträger etc., für die Wasserstoff die einzige realistische Transformationsperspektive darstellt – nur mit Elektrifizierung allein wird die Energiewende nicht gelingen. Zwar steht völlig außer Frage, dass wir als Industrienation mit erheblichem Bedarf auch erneuerbaren Wasserstoff werden importieren müssen. Das ist aber keine Entschuldigung dafür, nicht vor der eigenen Tür zu kehren. Es braucht einen möglichst ambitionierten Ausbau von Elektrolyse und der benötigten EE-Erzeugungsanlagen, auch national, flankiert von einer integrierten H2-Importstrategie, welche die Nationale Wasserstoffstrategie ergänzen sollte. Dabei müssen unsere Pläne für Deutschland immer anschlussfähig sein hinsichtlich der EU-Wasserstoffstrategie. Gleichzeitig sollten wir als stärkste Industrienation Europas unseren Gestaltungsanspruch auch in der EU geltend machen, um die Wasserstoffwirtschaft noch effektiver voranzubringen. Das wird auch schon recht kurzfristig wichtig, beispielsweise mit Blick auf die anstehende Richtlinie RED III oder das Gasbinnenmarktpaket der EU.

Welche Fortschritte ermöglicht die Nationale Wasserstoffstrategie, welche Verbesserungen sind aus energiepolitischer Sicht notwendig? Und welche Rahmenbedingungen werden für einen industriellen Hochlauf einer Wasserstoffwirtschaft in Deutschland/Europa benötigt?

„Deshalb sind
synthetische Kraftstoffe auf Wasserstoffbasis eine
sinnvolle Ergänzung für die Verkehrswende.“
Andreas Rimkus
ist seit 2013 Mitglied des Bundestages und vertritt dort als Sozialdemokrat seine Heimatstadt Düsseldorf. Der gelernte Elektromeister ist Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Energie sowie stellvertretendes Mitglied im Verkehrsausschuss und hat im Wirtschafts- und Energieausschuss die Berichterstattung übernommen für die Themen Wasserstoff, Elektromobilität, Sektorkopplung, nationale Kraftstoffstrategie sowie alternative Antriebe. Seine politische Karriere begann Rimkus auf kommunaler Ebene. Er war von 2009 bis 2013 Ratsmitglied der Landeshauptstadt Düsseldorf, von 2011 bis 2021 Vorsitzender der SPD Düsseldorf und von 2013 bis 2021 Mitglied im Landesvorstand der NRWSPD (Beisitzer). Zudem ist Andreas Rimkus stellvertretender Vorsitzender der AWO Düsseldorf. Im Herbst 2019 hat Rimkus den Parlamentskreis Sektorkopplung ins Leben gerufen, der sich mit der Frage beschäftigt, wie Energieerzeugung, Energieträger, Netze und Verbraucher zusammen in einem gemeinsamen System gedacht und geplant werden können, um die Energiewende zum Erfolg zu führen. Rimkus ist Mitglied im Parlamentarischen Beirat Bundesverband Elektromobilität.