Interview
Gerhard Walter


Noch vor zwei Jahren wurde in China über das Ende der Verbrenner-Ära im Jahr 2040 spekuliert. Doch das Reich der Mitte orientierte sich um – zu dieser Einschätzung kommt Nicole Steiger, Mitglied der Geschäftsführung bei der Unternehmenberatung JSC Automotive. Im Interview erklärt die Chinaexpertin, warum das Riesenreich auf einen Technologie-Fächer setzt, der zur Energie­sicherheit führen soll.

„China legt die
Scheuklappen ab“

Geely verfügt bereits über einiges an Know-how durch die Zusammenarbeit mit Volvo. Die Motoren, um die es hier geht, werden keine Spitzentechnologie darstellen und es ist durchaus sinnvoll für Mercedes, Kosten zu teilen. Motoren der neuesten Generation wird Mercedes weiterhin alleine bauen.

Die Volksrepublik China hat sich in der vergangenen Dekade einen Spitzenplatz bei der Produktion von Solarzellen und Windkraftanlagen für den Weltmarkt erkämpft. Im Energiemix des Landes spielen erneuerbare Energien aber keine große Rolle. Wie passt das zusammen?

Der Energiebedarf wächst rasant in China. Daher werden alle Möglichkeiten zum Ausbau der Energieversorgung genutzt. China ist nicht nur führend bei erneuerbaren Energien, sondern auch bei Kernkraft, Kohle und Wasserkraft. Bei Solarzellen und Windkraftanlagen gibt es das Problem, dass die Kapazitäten zum großen Teil in dünn besiedelten Gegenden stattfinden und sehr oft die Anlagen nicht an das Stromnetz angeschlossen werden.

Frau Steiger, über Jahre galt die Volksrepublik China als ein wichtiger Treiber der Elektromobilität. Nun scheint das Land davon abzurücken, die Subventionierung wurde zurückgefahren. Warum?

Zuletzt hat China mehr CO₂ ausgestoßen als alle Industriestaaten zusammen, gleichzeitig möchte das Land bis 2060 klimaneutral werden. Wie will das Reich der Mitte das schaffen und welche Rolle spielen Wasserstoff und dessen Folgeprodukte wie synthetische Kraftstoffe dabei?

Wasserstoff wird eine große Rolle spielen und es gibt bereits Großprojekte in einigen Städten, die vom Zentralstaat mit Subventionen unterstützt werden. China wird jedoch auch alle anderen Möglichkeiten nutzen wie zum Beispiel Carbon Capture.

E-Fuels sind nur dann klimaneutral, wenn sie mithilfe grünen Stroms hergestellt werden. Welche Ansätze zeigt China beim Ausbau der erneuerbaren Energien wie Wind- und Sonnenenergie?

Welche Perspektiven ergeben sich für deutsche Maschinen- und Anlagenbauer, sollten die Chinesen verstärkt in Power-to-X einsteigen?

Hat China das Potenzial, in der Zukunft gegebenenfalls sogar zu einem wichtigen Exporteur von PtX-Erzeugnissen aufzusteigen?

Hier stellt sich China neu auf, da man erkannt hat, dass es nicht sinnvoll ist, einfach Wind- und Sonnenkraftwerke in die Gegend zu stellen. Die Subventionen dafür wurden zusammengestrichen und nunmehr wird alles unter dem Stichwort Energiesicherheit gebündelt. In diesem Zusammenhang sind die Wasserstoffprojekte zu sehen, bei denen es um den Aufbau umfassender Systeme geht.

Die Aussichten sind zunächst sicher gut. Allerdings sollte man aufpassen, dass man nicht wieder in die Falle gerät wie bei den Superschnellzügen, bei denen das Know-how von Siemens, Kawasaki und Alstom gestohlen wurde.

China hat den Willen, das Geld und die Voraussetzungen für den Aufbau einer PtX-Industrie und könnte zu einem wichtigen Anbieter werden. Allerdings werden Europa, die USA und einige andere wichtige Länder wie Japan ebenfalls den Aufbau von PtX-Industrien massiv unterstützen, da man mit Sicherheit nicht von China abhängig werden will beim Energiebedarf.

Daimler und der chinesische Hersteller Geely wollen in China Verbrennungsmotoren herstellen. Droht hier nicht dem deutschen Motorenbau wertvolles Know-how verloren zu gehen?

Auf dem Weltmarkt ist der Verbrennungsmotor ungebrochen die Nummer eins, während Elektromobilität bislang nur in wenigen reichen Staaten überhaupt eine Rolle spielt. Werden die Chinesen im Fahrzeugbau damit in Märkte vorstoßen, die von deutschen Autobauern in ihrer Konzentration auf die E-Mobilität zukünftig nicht mehr bedient werden?

China hat das Thema Elektromobilität aus drei unterschiedlichen Gründen vorangetrieben. Es ging und geht um die Reduzierung der Abhängigkeit vom Rohöl, man wollte die Luftverschmutzung reduzieren und man erhoffte sich einen Technologievorsprung gegenüber den Verbrennern. Chinas Ölabhängigkeit beträgt 73 Prozent, das bedeutet: 73 Prozent des im Land verbrauchten Öls müssen importiert werden. Viele Länder, die Öl nach China exportieren, sind instabil und mit einem potenziellen Konflikt im Nahen Osten könnten etwa 50 Prozent des chinesischen Imports innerhalb von Tagen oder Wochen stark unter Druck geraten. Die chinesische Regierung musste Ende der 1990er-Jahre mit dem Import von Öl beginnen und vor diesem Hintergrund entstand damals bei der Regierung der Gedanke „Lass uns doch die Autos mit Elektrizität fahren“. In den Folgejahren gab es zunächst erste Experimente und dann viele Projekte. Parallel wurden zahlreiche Regulierungen erlassen, die in der Regel alle sechs Monate geändert wurden. Nach einer Phase der massiven Subventionierung und der Einführung eines Credit-Systems zeigte sich aber, dass die Hersteller zu viel Gewicht auf die Elektromobilität legten und sich der Kraftstoffverbrauch der Verbrenner insgesamt erhöhte.

Die Gefahr besteht durchaus, da die europäischen Vorschriften zum CO₂-Ausstoß extrem sind im Vergleich zum Rest der Welt und die Fahrzeughersteller zwingen könnte, die Herstellung von Verbrennern in Europa einzustellen. Allerdings kann man sich durchaus vorstellen, dass die deutschen Hersteller Verbrenner in anderen Märkten produzieren – etwa in den USA, in Mexiko oder eben in China.

Wir glauben, dass die Regierung in China erkannt hat, dass es den Verbrenner noch längere Zeit geben wird und dass es Sinn macht, die Hersteller darin zu bestärken, den Verbrauch der Verbrenner zu reduzieren und effizienter zu gestalten, um damit schneller den Rohölbedarf zu beeinflussen.

Während in Deutschland das Meinungsklima um den Verbrennungsmotor immer rauer wird, scheint er in China eine Renaissance zu erleben. Was sind die Gründe dafür?

„China ist nicht nur führend bei erneuerbaren Energien, sondern auch bei Kernkraft,
Kohle und Wasserkraft.“
Nicole Steiger
ist seit 2009 Mitglied der Geschäftsführung von JSC Automotive, einer seit vielen Jahren auf den chinesischen Automobilmarkt
spezialisierten Unternehmensberatung mit Sitz in Shanghai und Stuttgart. JSC Automotive berät sowohl Hersteller als auch Automobilzulieferer in den Geschäftsbereichen Strategie, Planung, Marketing sowie Mergers & Acquisitions. Nicole Steiger ist eine profunde Chinakennerin. Bereits im Rahmen ihrer Diplomarbeit Anfang der 1990er-Jahre beschäftigte sie sich mit deutsch-chinesischen Joint Ventures. Unter
anderem arbeitete sie in Hongkong.