Interview Gerhard Walter

Klare Worte von VDMA-Präsident Karl Haeusgen: Wer ein Verbrennerverbot fordere, zeige vor allem Phantasielosigkeit. Im Interview erklärt der international erfahrene Betriebswirt, warum es stattdessen höchste Zeit ist, im gesamten Äquatorgürtel PtX-Produktionen aufzubauen und eine Importstrategie für synthetische grüne Kraftstoffe zu entwickeln.

„Marktkräfte nutzen, wo immer sie verfügbar sind“

Absolut! Der Maschinen- und Anlagenbau ist der Ausrüster der Energiewende, unsere Mitglieder stellen die Produkte her, die notwendig sind, um die Defossilisierung der gesamten Weltwirtschaft voranzubringen. Das gilt nicht nur, aber auch für die PtX-Technologie. Insofern hoffen wir natürlich darauf, auch von Produktionsstandorten in Nordafrika oder Südamerika zu profitieren. Aber eine solche Transition, wie wir sie zurzeit erahnen können, wird auch Verlierer generieren. Insofern wäre mein Wunsch, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass der Übergang sozial gestaltbar bleibt und wir am Ende in Europa unseren Wohlstand halten können.

Der aktuelle PtX-Potenzialatlas des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik beschreibt sehr gut, in welchen Regionen der Erde die größten Potenziale für die Produktion von grünem Wasserstoff und wasserstoffbasierten Kraftstoffen schlummern. Stehen Ihre Mitgliedsunternehmen bereits in den Startlöchern, um dort zu investieren?

Unsere Firmen stehen nicht mehr in den Startlöchern, sondern investieren bereits heute – vor allem in Technologieentwicklung und Produktionsstandorte. Investitionen in den genannten Regionen werden kommen, wenn der Gesetzgeber hierzulande dafür sorgt, dass Wasserstoff und E-Fuels einen Markt finden. Und zwar in Berlin genauso wie in Brüssel.

Herr Haeusgen, jüngst forderten Sie in der „Augsburger Allgemeinen“ von der Politik, neue Wege zu gehen – etwa bei der Förderung von Wasserstofftechnologie und E-Fuels. Was erwarten Sie da konkret?

Viele Regionen, die sich besonders für den Betrieb von PtX-Anlagen eignen, sind wirtschaftlich noch unterentwickelt. Inwiefern können Investitionen in Aufbau und Betrieb dieser Anlagen auch dabei helfen, für einen Aufschwung in diesen Erzeugerländern zu sorgen?

Da sprechen Sie ein Thema an, das mir sehr am Herzen liegt. Denn tatsächlich ist es so, dass mit dem Aufbau solcher Anlagen beispielsweise in Nordafrika auch eine Industrialisierung einhergehen dürfte, die den Menschen vor Ort nützt. Sie sind künftig nicht mehr auf fossile Bodenschätze angewiesen, sondern können quasi im gesamten Äquatorgürtel PtX-Produktionen aufbauen. Wenn man hier Sorge trägt, dass Projekte nachhaltig aufgesetzt werden und die einheimische Bevölkerung mitgenommen wird, wird dies nach meiner Überzeugung eine Win-win-Situation erzeugen. Auch aus derlei geopolitischen Perspektiven heraus muss Europa ein Interesse daran haben, Regionen wie Nordafrika ins Boot zu holen.

Bereits im Frühjahr haben Sie vor einem Verbot von Autos mit Verbrennungsmotor gewarnt– was würde ein solches Verbot für die deutsche Wirtschaft bedeuten?

Einige Spitzenpolitiker argumentieren pro Verbrennerverbot damit, dass die Wirtschaft schließlich Planbarkeit brauchen würde. Sind Verbote seitens der Politik wirklich das, was die Unternehmen hierzulande brauchen?

Inwiefern besteht die Gefahr, dass mit einem Verbot das industrielle Tafelsilber der deutschen Wirtschaft sowie viele Arbeitsplätze und Know-how verloren gehen?

Lieber Wasserstoff aus Marokko als Erdgas aus Russland, lautet eine These, die Sie jüngst aufgestellt haben. Können Sie uns das erläutern?

Welche Wünsche haben Sie bezüglich der Themen Wasserstoff und E-Fuels an eine neue Bundesregierung?

Grundsätzlich halte ich eine Verbotspolitik für falsch! Die Politik muss Ziele formulieren und Leitplanken setzen, innerhalb derer die Industrie Lösungen entwickeln kann und im Wettbewerb ihre Ideen durchsetzen muss. Ein Verbot neuer Verbrennungsmotoren etwa ab dem Jahr 2040 wäre zu bewerkstelligen – aber ist es deshalb schlau und zu welchen sozialen Kosten führt das? Technologischer Wettbewerb um die besten Lösungen wird damit unterbunden.

Natürlich nicht! Zuverlässige Zielvorgaben und nachhaltige Marktanreize reichen, um den bevorstehenden Wandlungsprozess weiter zu stimulieren. Wer ein Verbrennerverbot fordert, zeigt meines Erachtens vor allem eins: Phantasielosigkeit.

Sofern wir über eine weltweit einheitliche Roadmap reden, wäre das nicht unbedingt der Fall – aber das ist ja noch nicht mal im Ansatz erkennbar und durch die eurozentristische Debatte besteht in der Tat die Gefahr, dass dann eine Technologie, deren unbestritten führende Anbieter aus Deutschland kommen, künftig in China produziert wird.

Ich habe nicht unbedingt etwas gegen Erdgas aus Russland, plädiere aber dafür, uns nicht zu sehr in die Abhängigkeit einzelner Staaten zu begeben. Das war noch nie eine gute Idee. Und Wasserstoff kann nun mal fast überall auf der Welt produziert werden, unabhängig von Bodenschätzen. Nordafrika ist Europas südlicher Nachbar.

Die neue Bundesregierung darf sich nicht im Klein-Klein von Detailregeln verlieren. Sie muss vielmehr Rahmenbedingungen setzen, mit denen die Industrie im Wettbewerb die besten Ideen zur Zielerreichung entwickeln kann.

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat eine Studie vorgestellt, wonach 80 Milliarden Euro zusätzliche jährliche Wertschöpfung und 1,2 Millionen neue Arbeitsplätze in Europa durch Produktion und Export von PtX-Anlagen geschaffen werden können. Mit PtX ergeben sich also Chancen für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau?

Australien, Nordafrika, Patagonien …, die Liste mit sonnen- und windreichen Regionen auf der Welt, die sich zur Produktion klimaneutraler E-Fuels für die 1,3 Milliarden Kraftfahrzeuge mit Verbrennungsmotor weltweit eignen, ist lang. Trauen sich die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer zu, einen wesentlichen Beitrag zum weltweiten Produktionshochlauf der E-Fuels zu leisten?

Für den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft müssen viele Milliarden Euro in die Hand genommen werden: von der Industrie, die in neue Technologien und Geschäftsfelder investiert, und vom Staat, etwa beim Infrastrukturaufbau. Es gibt politische Kräfte, die Wasserstoff als seltenes, teures Gut darstellen, der nur dort genutzt werden darf, wo er unerlässlich ist – in diesem Zusammenhang ist vom „Champagner der Energiewende“ die Rede. Folgte die Politik dieser Sichtweise, wäre das Ergebnis in der Tat, dass Wasserstoff rar und damit teuer bleibt. Das wäre fatal, denn zur Erreichung unserer Klimaziele ist er letztlich in allen Sektoren unerlässlich. Damit er im großindustriellen Maßstab hergestellt wird, geht es darum, alle Potenziale zu nutzen und insbesondere in den Sektoren Anreize zu schaffen, die eine vergleichsweise hohe Zahlungsbereitschaft mitbringen. Ganz konkret: Würde es der Automobilindustrie erlaubt, zur Erreichung der Klimaziele in E-Fuels zu investieren und damit hohe Strafzahlungen zu vermeiden, wären synthetische Drop-in-Fuels an der Tankstelle denkbar, ohne dass Sie das als Autofahrer unbedingt spüren würden.

Am Ende geht es darum, Marktkräfte zu nutzen, wo immer sie verfügbar sind! Wir befinden uns in einem der größten Wandlungsprozesse der Industrie – wenn wir hier nur in eingefahrenen Spuren unterwegs sind, werden wir scheitern.

Natürlich, genau das tun wir ja bereits: Alle Unternehmen, die in diesem Segment aktiv sind, investieren schon jetzt. Allerdings fehlt bislang der politische Wille, dieses Potenzial zu nutzen. Dabei geht es mir gar nicht um alle 1,3 Milliarden Fahrzeuge – der Weg hin zur Elektromobilität ist gut und richtig. Aber: Er ist steinig, langwierig und regional völlig unterschiedlich. Mit E-Fuels können wir einen wichtigen Beitrag zur CO₂-Reduktion im Fahrzeugbestand leisten und gleichzeitig Kraftstoffkapazitäten schaffen, die in einer weitgehend elektrifizierten Welt für Flugzeuge, Schiffe, mobile Arbeitsmaschinen und auch noch den ein oder anderen Lkw zur Verfügung stehen. Denn es ist ja mitnichten so, dass derlei Anwendungen allesamt vollständig elektrifiziert werden könnten– da spielt die Physik nicht mit.

Dieses Thema hat die alte Bundesregierung bereits tatkräftig unterstützt, wir wissen von vielen Ideen und auch konkreten Projekten. Ich bin guter Dinge, dass da einiges in Gang kommt und einen wichtigen Beitrag leisten wird, damit Europakünftig grüne Energie aus diesen Regionen importieren kann. Schon vor Jahren wurde in der Desertec-Initiative klar, welche Potenziale es gibt. Und auch wenn diese Initiative nicht ans Laufen kam, so ist doch etwas passiert. Insbesondere Marokko ist ein großer Investor in grüne Energie und beschäftigt sich mit dem Thema Wasserstoff und E-Fuels. Wir tun gut daran, solche Initiativen zu unterstützen und zu beschleunigen.

Sie sprechen sich in diesem Zusammenhang auch für Energiepartnerschaften mit Ländern etwa in Nordafrika aus, wo Wasserstoff und klimaneutrale Kraftstoffe besonders effektiv erzeugt werden können. Welche Unterstützung benötigt der deutsche Maschinen- und Anlagenbau hier von der Politik?

Karl Haeusgen
ist seit Oktober 2020 Präsident des VDMA. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau ist mit gut 3.300 Mitgliedern die größte Netzwerkorganisation und wichtiges Sprachrohr des Maschinenbaus in Deutschland und Europa. Haeusgen ,Jahrgang 1966, studierte Betriebswirtschaftslehre in der Schweiz an der Hochschule St. Gallen. Nachdem Studium war er für den Maschinenbauer Maho AG tätig, dann in Asien für den Textilmaschinenhersteller Barmag AG. Anschließend verantwortete er den Auslandsvertrieb der Hawe Hydraulik sowie weitere Unternehmensbereiche. 1996 wurde Haeusgen Geschäftsführer der Hawe Hydraulik GmbH & Co. KG und nach der Umwandlung des Unternehmens in eine SE, im Jahr 2008, Sprecher des Vorstands. Heute ist er Vorsitzender des Aufsichtsrats der Hawe Hydraulik SE, München. Karl Haeusgen engagiert sich seit vielen Jahren im VDMA. Von 2008 bis 2014 war er Vorstandsvorsitzender des VDMA Bayern. 2013 wurde er zum Vizepräsidenten des VDMA gewählt. Im Oktober 2020 wurde er von der VDMA-Mitgliederversammlung zum VDMA-Präsidenten gewählt.
„Die neue Bundesregierung darf sich nicht im Klein-Klein von Detailregeln verlieren.“