Prof. Dr. Justus Haucap,,
Jahrgang 1969, ist Direktor des Düsseldorfer Instituts für Wettbewerbsökonomie (DICE) an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Der Volkswirt war von 2006 bis 2014 Mitglied der Monopolkommission der Bundesregierung, davon vier Jahre deren Vorsitzender (2008–2012).
Nach wie vor fehlt der deutschen Klimaschutzpolitik eine europäische und erst recht die globale Perspektive.

er Klimaschutz ist eine der drängendsten Aufgaben unserer Zeit. Die neue Bundesregierung will der Reduktion der Treib­hausgasemissionen daher – zu Recht – höchste Priorität einräumen.
Der Fokus der Bundesregierung liegt dabei vor allem auf einem stark beschleunigten Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien, im Wesentlichen Windenergie und Photovoltaik, in Deutschland, um die CO2-Emissionen hierzulande zu drosseln. Die starke Fokussierung auf nationale Ziele und fast exklusive Betrachtung nationaler Treibhausgasmengen ist jedoch problematisch. Nach wie vor fehlt der deutschen Klimaschutzpolitik eine europäische und erst recht die globale Perspektive.
Der strikte Fokus der Politik auf Treibhausgasemissionen in Deutschland ist in gewisser Weise paradox, denn die Reduktion von Treibhausgasen in Deutschland wird allein das globale Klima kaum beeinflussen. Allerdings impliziert diese Feststellung auch nicht, dass die deutsche Politik keine Anstrengungen unternehmen sollte, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Vielmehr ist ganz entscheidend, ob die Instrumente eine über Deutschland hinausgehende Reduktion der Treibhausgase anderenorts auslösen. So ist etwa kaum zu erwarten, dass der globale Klimaschutz vor allem durch einen breitflächigen Umstieg auf Lastenfahrräder und eine auf Verzicht ausgerichtete Politik gelingen wird. Entscheidend wird es auf neue Technologien ankommen, die Stromerzeugung, Antriebstechniken und industrielle Produktionsprozesse nicht nur klimaneutral, sondern auch bezahlbar machen, und zwar nicht nur für wohlhabende Staaten wie Deutschland, sondern international, also für deutlich ärmere Länder.
Vor diesem Hintergrund muss das Thema Innovationen viel stärker betont werden als bisher.
Anders als die reine Reduktion von Treibhausgasen in Deutschland, die einen kaum spürbaren Effekt für das Weltklima und die Erderwärmung hat, kann die Entwicklung neuer klimafreundlicher und zugleich bezahlbarer Innovationen einen wirklichen Unterschied machen, wenn diese Innovationen auch international genutzt werden können.
Im Grunde ist dies genauso wie bei der Corona-Pandemie. Das Impfen in Deutschland wird Corona weltweit nicht ausrotten und auf das weltweite Infektionsgeschehen nur einen marginalen Einfluss haben. Die Entwicklung eines Impfstoffes, die Innovation also, ist das, was weltweit einen Unterschied macht.
Aus diesem Grund sollte der Fokus der Klimapolitik in Deutschland viel stärker auf Innovationen ausgerichtet werden und jede Maßnahme dahingehend beurteilt werden, welchen Beitrag sie zu Innovationen und zur Senkung von Produktionskosten für klimafreundliche Technologien leistet.
Der weitere Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien ist vor diesem Hintergrund  zweitrangig. Denn der Impuls, der vom Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien in Deutschland für weitere Innovationen in diesem Bereich ausgeht, ist vernachlässigbar. Impulse für die Weiterentwicklung neuer Technologien, die noch keine Marktreife haben, etwa zur Kostensenkung bei der Produktion grünen Wasserstoffs oder zur weiteren Entwicklung von E-Fuels, können dagegen wirklich einen Unterschied für den globalen Klimaschutz machen.

Die neue Bundesregierung setzt beim Klimaschutz auf den Ausbau der erneuerbaren Energien zur Stromerzeugung. Wichtige Zukunftstechnologien wie E-Fuels oder eine globale Perspektive spielen dagegen eine untergeordnete Rolle. Eine Kurskorrektur ist nötig.

Lastenfahrräder
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