Interview Gerhard Walter

Wenn Fahrzeuge aus dem Bestand weltweit klimaneutral betrieben werden sollen, sind synthetische grüne Kraftstoffe unverzichtbar – zu dieser Einschätzung kommt Porsche-Entwicklungsvorstand Michael Steiner. Im Interview erklärt der studierte Maschinenbauer, warum sich Porsche zusammen mit Siemens Energy bei der Herstellung von E-Fuels in Chile engagiert.

„Eine äußerst vielversprechende Technologie“

Ganz klar: Wir sind für das Ermöglichen von Innovationen. Unsere Strategie ist es, 2030 als Unternehmen bilanziell CO₂-neutral zu sein, schneller als alle anderen traditionellen Automobilhersteller. Wir haben die gesamte Wertschöpfungskette im Blick und sind gut unterwegs: An unseren deutschen Standorten produzieren wir heute schon bilanziell CO₂-neutral. Bei unseren Fahrzeugen setzen wir auf einen Dreiklang der Antriebstechnologien. Mit leistungsstarken Plug-in-Hybriden, wie in der aktuellen Cayenne- und Panamera-Baureihe. Mit sportlichen elektrischen Antrieben, wie beim Taycan. Und mit hochemotionalen Benzinern, wie beim 718 oder 911. Dabei spielen die nahezu CO₂-neutralen E-Fuels eine Rolle.

Bleibt Chile ein Einzelprojekt? Oder sind weitere Produktionspartnerschaften denkbar?

Wir konzentrieren uns voll auf unsere E-Fuels-Anlage im Süden Chiles. Der Standort ist ideal: Patagonien ist eine der Regionen der Welt mit dem günstigsten Windstrom. Es bläst dort so kräftig, dass die Anlage an rund 270 Tagen pro Jahr unter Volllast fahren kann. Wichtig ist: E-Fuels machen nur Sinn, wenn man sie – wie in Chile – an Orten produziert, wo regenerative Energie im Überfluss vorhanden ist und nicht anderweitig direkt genutzt werden kann. Der regenerative Energieträger Grünstrom wird zu einem speicher- und transportfähigen Flüssigenergieträger.

Herr Steiner, gemeinsam mit Siemens Energy und weiteren Unternehmen haben Sie kürzlich den Start für die erste integrierte und kommerzielle Großanlage zur Herstellung von klimaneutralen E-Fuels verkündet. Was sind die Gründe dafür, dass Sie als Automobilhersteller nun auch zu einem Erzeuger und Importeur von Energie werden?

Ihre Anlage im windreichen chilenischen Patagonien profitiert von vielen Volllaststunden bei der Gewinnung der für di eE-Fuels-Produktion erforderlichen Erneuerbaren Energien. Nachteile in der technischen Effizienz des Verbrennungsmotors gegenüber dem Elektromotor, der mit Grünstrom aus Deutschland betrieben wird, können so in einer gesamtheitlichen Betrachtung der Effizienz nahezu ausgeglichen werden. Ein Argument der Gegner der E-Fuels wird dadurch widerlegt, oder?

Sie haben recht: Grüner Strom wird in Deutschland noch lange nur begrenzt verfügbar sein. Er sollte deshalb vor allem die Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen ersetzen und zum Beispiel für das direkte Laden von reinen Elektrofahrzeugen und Plug-in-Hybriden genutzt werden. Entscheidend bei der Effizienzbetrachtung von E-Fuels ist der richtige Ort. Deshalb kann sich der Gesamtwirkungsgrad Well-to-Wheel – also von der Energieträgererzeugung am Windrad in Chile bis zum Rad am Fahrzeug – im Falle Haru Oni sehen lassen. Er liegt in der Größenordnung von vollelektrischen Automobilen, die direkt mit in Deutschland erzeugtem grünen Strom betrieben werden.

E-Fuels bieten die Möglichkeit, Verbrennerfahrzeuge klimaneutral anzutreiben. Damit leisten diese einen unverzichtbaren Beitrag, um den bestehenden Fuhrpark klimaneutral zu stellen. Über 70 Prozent aller historischen Porsche sind noch auf den Straßen unterwegs, die Fahrzeuge werden also viele Jahrzehnte gefahren. Sind E-Fuels also ein wichtiger Schritt, um Ihr automobiles Erbe zu wahren und gleichzeitig klimaneutral zu machen?

In der 911er Baureihe bekennt sich Porsche klar zum Verbrenner, der Rest soll bis 2030 auf Elektroantrieb umgestellt werden. Warum eigentlich, wenn es mit E-Fuels die Möglichkeit gibt,Verbrennungsmotoren klimaneutral zu betreiben? Wird etwa der Cayman-Fahrer auf den emotionalen Boxermotor zugunsten eines E-Motors verzichten wollen?

Porsche produziert Autos mit ganz besonders leistungsstarken und technisch hochentwickelten Motoren – wie wird sichergestellt, dass der Einsatz synthetischer klimaneutraler Kraftstoffe tatsächlich für Porsche-Motoren geeignet ist?

Auf jeden Fall. Viele Porsche-Fahrzeuge werden noch lange mit einem Verbrennungsmotor unterwegs sein. Für diesen Bestand wären die nahezu CO₂-neutralen grünen E-Fuels eine gute Lösung. Zudem entwickelt sich die Welt unterschiedlich schnell in Richtung Elektromobilität. Der Ottomotor wird in einigen Regionen auch in Jahrzehnten noch genutzt werden.

Wir schauen in der Pilotphase unserer E-Fuels-Anlage vor allem auf den 911. Aber Sie haben recht: E-Fuels eignen sich für alle Porsche-Modelle mit Verbrennungsmotor, da die Fahrzeuge nicht nachgerüstet werden müssen. Auch unsere Hybridmodelle oder die historischen Fahrzeuge würden davon profitieren. Ein weiterer Vorteil: Für E-Fuels kann die bestehende Tankstelleninfrastruktur genutzt werden.

Wir testen schon länger mit synthetischen Kraftstoffen. Wir wissen genau, welche Kraftstoffeigenschaften unsere Motoren für den klimafreundlichen Betrieb benötigen. Verschiedene Varianten von synthetischem Kraftstoff erproben wir momentan mit historischen und aktuellen 911. Mit überzeugenden Ergebnissen.

Könnte mit mehr Technologieoffenheit in der Regulatorik in der Energiewende im Verkehr nicht mehr erreicht werden als mit dem derzeitigen alleinigen Fokus des Gesetzgebers auf die E-Mobilität? Werden den klugen Ingenieuren hier im Land damit nicht die Hände gebunden und letztlich ein Wettbewerb um die innovativsten Lösungen beim Erreichen der Klimaziele verhindert?

Ab 2026 möchte Porsche mit seinem Gemeinschaftsprojekt jährlich 550 Millionen Liter E-Fuels gewinnen. Die Menge entspräche immerhin rund 2,5 Prozent der im Jahr 2020 abgesetzten Menge an Ottokraftstoff in Deutschland. Ist Haru Oni damit nicht mehr als nur ein Pilotprojekt, sondern vielmehr ein Einstieg in die Großproduktion von synthetischen Kraftstoffen?

Lösungen für den Klimaschutz zu finden, ist vermutlich die bedeutendste Herausforderung unserer Generation. Synthetische Kraftstoffe können dabei einen wichtigen Beitrag leisten. Wir sehen uns als Pioniere nachhaltiger Mobilität. Zusammen mit internationalen Partnern wie Siemens Energy und Exxon Mobil haben wir deshalb eine Pilotanlage zur Herstellung der nahezu CO₂-neutralen grünen E-Fuels im Süden Chiles initiiert. Die Produktion geht Mitte 2022 los. Eins ist dabei aber klar: Porsche wird kein Kraftstoffhersteller werden.

Im ersten Jahr der Pilotphase beziehen wir die komplette Menge von rund 130.000 Litern E-Fuels aus Chile. Im dritten Quartal 2022 rechnen wir mit der ersten Lieferung. Die Verhandlungen für die Folgejahre laufen noch. Wir sehen aber schon heute großes Interesse: Für synthetische Kraftstoffe wird ein großer Markt entstehen. Wir können mit der Anlage in Chile zeigen, dass die Technologie im industriellen Maßstab funktioniert – auch für Sektoren wie Schifffahrt und Luftverkehr, wo solche Kraftstoffe ebenfalls benötigt werden.

Auch bei Porsche hat die Elektromobilität höchste Priorität. Wir bekennen uns zum Pariser Klimaabkommen und haben uns darüber hinausgehende Ziele gesetzt: Bereits in 2030 liefern wir mehr als 80 Prozent unserer Fahrzeuge mit einem elektrischen Antrieb aus – als Hybrid oder vollelektrisch. E-Fuels ergänzen unsere Elektromobilität sinnvoll. Wir wollen den Kunden die Möglichkeit bieten, ihre Verbrenner mit einem grünen Kraftstoff zu betanken. Es geht darum, gesamthaft zu denken und Bestandsfahrzeuge bei der Dekarbonisierung einzubeziehen. Mit den aus erneuerbaren Energien hergestellten E-Fuels lassen sich heute bereits bis zu 90 Prozent der fossilen CO₂-Emissionen reduzieren. Es ist eine äußerst vielversprechende Technologie.

Die Politik in Deutschland und in der EU setzt bisher bei der Energiewende im Verkehr stark auf die Förderung der E-Mobilität; klimaneutrale E-Fuels werden dabei benachteiligt, etwa bei der Anrechnung auf die CO₂-Flottengrenzwerte. Was sind die Gründe dafür, dass Porsche im Gegensatz zu anderen Herstellern mehrere Lösungspfade verfolgt, wie beispielsweise die Nutzung klimaneutraler Kraftstoffe, obwohl die Politik regulative Unterstützung vermissen lässt?

Michael Steiner
ist seit 2016 Mitglied des Vorstands Forschung und Entwicklung der Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG. Zuvor war der studierte Maschinenbauer 14 Jahre im Porsche-Entwicklungs­zentrum Weissach in führenden Positionen tätig, zuletzt als Leiter Entwicklung Gesamtfahrzeug/Qualität. Weitere Stationen von Michael Steiner im Porsche-Entwicklungszentrum: ab 2002 Leiter Innovationen und Konzepte, dann ab 2005 erster Leiter der damals neu gegründeten Baureihe Panamera und schließlich seit 2011 Verantwortlicher der Entwicklung Gesamtfahrzeug/Qualität. Vor seinem Einsatz bei Porsche war Steiner gut sieben Jahre bei der Daimler AG in Stuttgart tätig.
„Wir sehen aber schon heute großes Interesse: Für synthetische Kraftstoffe wird ein großer Markt entstehen.“
Voraussichtliche Kapazitätssteigerung der E-Fuels-Produktion in der Pilotanlage Haru Oni in der chilenischen Provinz Magallanes von 2022 bis 2026: