„Strombasierte Kraft- und Brennstoffe sind unverzichtbar“

Interview Gerhard Walter

Das Ziel ist klar definiert: Es geht darum, die Energiewende in Deutschland erfolgreich zu gestalten. Für Thomas Bareiß (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, sind besonders E-Fuels ein entscheidender Baustein, um klimapolitische Ambitionen und ökonomische Notwendigkeiten zu vereinen.

Eine intelligente Sektorkopplung muss zukünftig die Sektoren Wärme und Verkehr mit den Anforderungen des Strommarkts und der Stromnetze flexibel verknüpfen. Dabei sollten wir die Energie- und Kosteneffizienz nie aus dem Blick verlieren und die Chancen der Digitalisierung nutzen.

Welchen Effekt könnten E-Fuels für den Standort Deutschland haben – etwa beim Export von technischem Know-how oder bei der Schaffung von Arbeitsplätzen im Maschinen- und Anlagenbau?

In der Tat bieten strombasierte Brennstoffe industriepolitische Chancen. Allerdings zeigen diverse Studien, dass angesichts der vielfach besseren Potenziale für erneuerbare Energien insbesondere bei Kohlenwasserstoffen die Produktion im Ausland kostengünstiger sein dürfte. Daher dürften die industriepolitischen Chancen vor allem im Export von Anlagen zur Produktion von strombasierten Brennstoffen liegen. Voraussetzung hierfür ist allerdings auch, dass eine entsprechende globale Nachfrage nach strombasierten Brennstoffen entsteht.

Herr Bareiß, die Energiewende kommt hierzulande im Wärmemarkt und im Verkehrssektor nur langsam in Fahrt. Was sind die Gründe?

Die Bundesregierung hat Ende 2018 der Anrechnung von E-Fuels auf die europäischen CO2-Flottenziele eine Abfuhr erteilt. Eine vertane Chance?

Die Ausgestaltung der CO2-Flottengrenzwerte imVerkehrssektor war ein viel diskutiertes Thema. Aus meiner Sicht sollten wir aber den Blick nach vorne richten. Wir müssen den Verkehr klimaverträglicher gestalten und dabei die Zukunft der Automobilindustrie in Deutschland sichern. In diesem Zusammenhang sollten wir auch das Thema strombasierte Kraftstoffe angehen.

Im Koalitionsvertrag ist die Förderung von PtX-Technologien vereinbart. Gibt es mittlerweile konkrete Ideen, wie eine solche Förderung aussehen könnte, zum Beispiel durch eine geringere Besteuerung solcher Energieträger?

Die Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Sektorkopplung ist eine der zentralen energiepolitischen Aufgaben dieser Legislaturperiode. Beispielsweise starten wir bald die „Reallabore der Energiewende“, die wir mit jährlich 100 Millionen Euro fördern und in denen innovative Sektorkopplungstechnologien wie Wasserstoff unter realen Bedingungen entwickelt werden. Ich gehe davon aus, dass die Bundesregierung darüber hinaus im Laufe des Jahres weitere geeignete Maßnahmenvorschläge vorlegt, um die Energiewende auch im Wärme- und Verkehrssektor voranzubringen. Davon werden auch PtX-Technologien profitieren.

2004 sprach der damalige Umweltminister Jürgen Trittin davon, dass die Förderung erneuerbarer Energien jeden Haushalt im Monat nur so viel kosten werde wie eine Kugel Eis. Seitdem ist der Strompreis um satte 60 Prozent gestiegen. Wie sieht es nun tatsächlich mit der Bezahlbarkeit der Energiewende bei Wärme und Verkehr aus – für den Einzelnen, aber auch für die Volkswirtschaft?

In der Tat sind für Verbraucher außerhalb der stromintensiven Industrie die Strompreise im internationalen Vergleich hoch. An dieser Stelle möchte ich aber auch festhalten, dass die Strompreise für die privaten Haushalte seit 2013 stabil sind. Dies gilt auch für die EEG-Umlage, die zuletzt sogar zweimal in Folge gesunken ist. Das ist auch das Ergebnis unserer Anstrengungen, die Energiewende so kosteneffizient wie möglich zu gestalten. Dennoch zeigt die Stromkostenbelastung, dass wir die Kosten der Energiewende stets genau im Blick haben müssen. Deshalb sollten wir angesichts der derzeit noch hohen Kosten von grünem Wasserstoff und anderen strombasierten Brennstoffen dieses Thema auch mit Augenmaß angehen.

Mit welchen Energiewendekosten ist in Zukunft zu rechnen? Und was noch wichtiger ist, wenn wir uns etwa die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich anschauen, wie können diese Kosten denn sozial gerecht verteilt werden?

Es ist vollkommen klar, dass die Energiewende mit Kosten verbunden ist. Bei vielen Kostenrechnungen wird aber häufig vergessen, dass auch ein alternatives Energiesystem mit Kosten, zum Beispiel für neue fossile Kraftwerke oder die Erneuerung der Stromnetze, verbunden wäre. Gleichwohl müssen wir die Energiewende so kosteneffizient wie möglich gestalten, die verbleibenden Mehrkosten sozialgerecht verteilen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen erhalten. Nur so können wir die Energiewende erfolgreich gestalten.

Wie sieht für Sie eine intelligente Sektorkopplung aus?

Spielen dabei auch synthetische Kraft- und Brennstoffe eine Rolle?

Es stimmt, verglichen mit dem Stromsektor sind die Effizienz und der Anteil erneuerbarer Energien in den Bereichen Wärme und Verkehr nicht so stark gestiegen. Dafür gibt es viele Gründe. Zum Beispiel gibt es in diesen Bereichen eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure und die Investitionszyklen sind sehr lang. Zudem fehlt hier ein CO2-Preissignal. Die Bereiche Wärme und Verkehr werden wir daher künftig verstärkt in den Fokus nehmen. Klar ist: In allen Sektoren müssen wir auch auf Bezahlbarkeit achten.

Strombasierte Brennstoffe sind eine Option der Sektorkopplung. Sie sind insbesondere bei einem hohen klima-politischen Ambitionsniveau für eine erfolgreiche Energiewende unverzichtbar. Angesichts begrenzter Biomassepotenziale können bestimmte Bereiche aus heutiger Sicht nicht anders dekarbonisiert werden. Dies gilt beispielsweise für den Luft- und Seeverkehr, Teile des Schwerlastverkehrs, aber auch für bestimmte Industrieprozesse.

Wir fördern Sektorkopplungstechnologien auf vielfältige Art und Weise. Auf europäischer Ebene haben wir uns beispielsweise im vergangenen Jahr im Rahmen der Verhandlungen zur Erneuerbare-Energien-Richtlinie für die Anrechenbarkeit von grünem Wasserstoff in Raffinerieprozessen eingesetzt, mit dem Ziel, Anreize für erneuerbare Energien im Verkehrsbereich zu stärken und die Wasserstofftechnologie voranzubringen.

Derzeit wird die Elektromobilität von der Bundesregierung nach
Kräften unterstützt. Inwiefern werden durch diese einseitige Technologie-
förderung Fakten geschaffen? Widerspricht das nicht dem Grundsatz der Technologieoffenheit?