Veronika Grimm ist Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, einem Gremium der wirtschaftswissenschaftlichen Politikberatung. Im Interview spricht die Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Universität Erlangen-Nürnberg über die Potenziale von Wasserstoff und synthetischen Kraft- und Brennstoffen für die Energiewende.

Interview Gerhard Walter
„Wendepunkt in
der Energiepolitik“
Frau Grimm, Wasserstoff ist als Energieträger für Industrie und Verkehr deutlich in den Mittelpunkt der Politik gerückt. Ist diese Neuorientierung ein Wendepunkt in der deutschen Energiepolitik?

Durch das Ziel der Klimaneutralität bis 2050, das die EU im Rahmen des Green Deal formuliert hat, müssen ganz neue Akzente in der Energiepolitik gesetzt werden. Spätestens jetzt ist klar, dass alle Sektoren konsequent dekarbonisiert werden müssen. Dabei spielen klimaneutraler Wasserstoff und darauf basierende synthetische Energieträger eine entscheidende Rolle. In Deutschland wurde außerdem mit dem Klimapaket 2019 die Bepreisung von CO₂ in allen Sektoren als Leitinstrument der Klimapolitik etabliert. Diese Entwicklungen markieren in der Tat einen Wendepunkt in der Klima- und Energiepolitik, aber auch in der Industriepolitik. Es kommt jetzt auf die Umsetzung an.

Die Klimaneutralität bis 2050 erreichen wir, indem wir erneuerbaren Strom nutzen, um den Mobilitäts- und den Wärmesektor sowie die Industrie zu dekarbonisieren beziehungsweise zu defossilisieren. In einigen Bereichen kann dies über die direkte Elektrifizierung geschehen, wie beim Batteriefahrzeug oder der Wärmepumpe. In anderen Bereichen sind klimaneutraler Wasserstoff und darauf basierende synthetische Energieträger die einzig sinnvolle Option, etwa in der Schwermobilität und in Teilen der Industrie. Aktuell ist die Herstellung von grünem Wasserstoff mittels Elektrolyse noch sehr teuer. Es wird aber bei zunehmender Produktion eine Kostendegression bei den Anlagen einsetzen und damit auch der Preis von grünem Wasserstoff sinken. Außerdem ist zu erwarten, dass CO₂-Emissionen immer teurer werden und sich dadurch auch die Attraktivität klimaneutraler Energieträger im Vergleich zu deren fossilen Pendants erhöht.

Um klimaneutralen Wasserstoff in großem Umfang verfügbar zu machen, ist der Aufbau von komplexen Wertschöpfungsketten einer zukünftigen Wasserstoffwirtschaft nötig. Das ist ein Prozess, der sich über viele Jahre hinziehen wird. Das reicht von der reinen Wasserstofferzeugung über den Transport – also die Logistik – bis hin zur vielfältigen Nutzung in den Sektoren Mobilität, Wärme und Industrie, aber auch zur Langzeitspeicherung von Strom.

Ja, das zeichnet sich ganz klar ab. Die deutsche Industrie ist exzellent aufgestellt, um Schlüsselkomponenten für eine zukünftige Wasserstoffwirtschaft zu produzieren. Viele traditionelle Stärken der deutschen Industrie sind hier gefragt – etwa im Maschinenbau oder in der chemischen Industrie, bei der Produktion von Kraftfahrzeugen und in der Zulieferindustrie. Das sichert bestehende Arbeitsplätze; wir müssen aber frühzeitig Sorge tragen, auch Fachkräfte auszubilden, die neue relevante Qualifikationen erwerben. Hier ist es wichtig, ein effektives Zusammenspiel von Forschungseinrichtungen und Industrie zu befördern, damit die notwendige Expertise zu Zukunftsthemen auch schnell aufgebaut werden kann.

Die Wasserstoffstrategien auf Bundes-, Länder- und EU-Ebene gehen alle weit über die Förderung der Herstellung von grünem Wasserstoff hinaus. Es geht um den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Dafür muss in großem Umfang privatwirtschaftliches Kapital aktiviert werden. Damit dies geschieht, ist ein gutes Zusammenspiel der Strategien auf EU- und Bundesebene sowie auf Ebene der Länder
nötig. Und es ist wichtig, einen verlässlichen Handlungsrahmen für die Wirtschaft zu schaffen. Das geht eigentlich nur über marktorientierte Mechanismen, nicht über kleinteilige Förderinstrumente.

Auf Dauer wird Deutschland seinen Wasserstoffbedarf nicht aus heimischer Produktion decken. Aktuell importiert die Bundesrepublik ungefähr 72 Prozent ihres Primärenergiebedarfs. Aufgrund von geografischen und klimatischen Gegebenheiten ist damit zu rechnen, dass Deutschland auch in einer zukünftigen klimafreundlichen Welt auf Energieimporte angewiesen bleibt. Das heißt, es müssen jetzt internationale Kooperationen aufgebaut werden, um die Grundlage zu schaffen, zunehmend auch erneuerbare Energieträger, also Wasserstoff und darauf basierende synthetische Kraftstoffe, zu importieren. Auch dies ist ein Schwerpunkt der vorliegenden Wasserstoffstrategien. Für den Aufbau von Technologiekompetenz, der sich aus dem Bau und Betrieb der Elektrolyseanlagen und der entsprechenden Logistik ergibt, ist es wichtig, dass Elektrolyseanlagen auch hierzulande gebaut und betrieben werden – allerdings nicht in dem Umfang, um den heimischen Energiebedarf komplett zu decken.

Es gibt verschiedene Einsatzbereiche, in denen Wasserstoff und synthetische Energieträger nach heutigem Kenntnisstand die einzig sinnvolle Option sind. Dazu gehören der Luftverkehr, die Schifffahrt, schwere Nutzfahrzeuge und einige Bereiche in der Industrie. In der Industrie wird grüner Wasserstoff als Rohstoff fossile Produkte ersetzen. In der individuellen Mobilität wird es – sofern es die entsprechende Wasserstoff-Tankstelleninfrastruktur erst einmal gibt – ein Nebeneinander von Batterie- und Brennstoffzellenfahrzeugen geben. Hier werden die einzelnen Kunden letzten Endes entscheiden, welchen Antrieb sie bevorzugen. Außerdem sind synthetische Kraftstoffe als Beimischung zu konventionellen Kraftstoffen eine Option.

Auf lange Sicht stimmt das. Es gibt weltweit viele Regionen, in denen die Gestehungskosten erneuerbarer Energien niedrig sind und wo keine Konkurrenz mit der nationalen Energieversorgung besteht, in Afrika, Island, Kanada, Patagonien zum Beispiel. Günstig erzeugter grüner Wasserstoff oder synthetische Kraftstoffe können dann zukünftig kostengünstig auf dem Seeweg nach Europa transportiert werden. In welcher Form Wasserstoff genau transportiert wird, das ist noch offen. Es gibt viele Möglichkeiten, tiefgekühlt, gebunden als synthetischer Kraftstoff oder an flüssige Wasserstoffträger gekoppelt – die Optionen haben alle Vor- und Nachteile. Umso schneller Partnerschaften geschlossen werden und Erfahrungen mit Erzeugung, Transport und Logistik gemacht werden können, desto klarer wird das Bild.

Wir müssen die energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen anpassen,
sodass klimaneutrale Technologien und Produkte relativ zu ihren fossilen Alternativen attraktiver werden. Hier gibt es noch viel zu tun. Das Leitinstrument der Klimapolitik muss ein sektorenübergreifender, einheitlicher und EU-weiter CO₂-Preis sein. Dazu sollte idealerweise der europäische Emissionshandel ausgeweitet und gestärkt werden. Da dies Zeit braucht macht es aber Sinn, dass wir in Deutschland schneller vorangehen und möglichst einheitliche CO₂-Preise in allen Sektoren einführen. Gleichzeitig sollten die Energiepreise von den zahlreichen verzerrenden Abgaben und Umlagen befreit werden – Stromsteuer, EEG-Umlage und weiteres. Die entfallenden Einnahmen könnten durch die Einnahmen aus der CO₂-Bepreisung refinanziert werden. Neben einer solchen Energiepreisreform muss zeitnah der Aufbau von Infrastrukturen für die Wasserstoffwirtschaft angestoßen und im Bedarfsfall gezielt gefördert werden. Darüber hinaus ist der Ausbau von Forschungsinfrastrukturen wichtig, auch mit dem Fokus, einen schnelleren Transfer von der Forschung hin zur Anwendung zu ermöglichen. Und letztlich wäre es wichtig, dass klimaneutrale Produkte auch als solche identifizierbar sind, durch eine geeignete Zertifizierung. Das ist für grüne Investitionen von entscheidender Bedeutung – und gibt Investoren Sicherheit.

Wasserstoff aus fossiler Herstellung kommt bereits seit Jahrzehnten zum Einsatz. Wieso nimmt die Politik erst jetzt den klimaneutral erzeugten Wasserstoff in den Blick?

Welche volkswirtschaftlichen Vorteile lassen sich mit der Nutzung von Wasserstoff verwirklichen? Stichwort: Wertschöpfungsketten…

Kann die Wasserstoffwirtschaft neue Arbeitsplatzpotenziale heben?

Die Herstellung von Wasserstoff aus erneuerbaren Energien wird nun massiv gefördert. Reichen die bisherigen Maßnahmen der Nationalen
Wasserstoffstrategie aus?

Bis 2030 sollen hierzulande Produktions- beziehungsweise Elektrolyse-Kapazitäten von vorerst fünf Gigawatt, bis 2040 von zehn Gigawatt aufgebaut werden. Reicht das aus, um den Pfad der Wasserstofftechnologie erfolgreich zu beschreiten?

Wenn Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe im sonnenreichen Nordafrika oder im windreichen Patagonien hergestellt werden, kann das Produktionsvolumen doch massiv gesteigert werden?

Welche Lösungen sollten die Bundesregierung und die EU anstreben, damit die Wasserstoffherstellung und die Produktion wasserstoffbasierter Folgeprodukte betriebswirtschaftlich wettbewerbsfähig werden können?

Welche Anwendungsmöglichkeiten sehen Sie für den Wasserstoff, in welcher Form macht sein Einsatz am meisten Sinn und in welchen Sektoren?

„Auf Dauer wird Deutschland
seinen Wasserstoffbedarf nicht aus heimischer Produktion
decken.“

Veronika Grimm
ist seit 2008 Inhaberin des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Seit 2020 ist sie Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung
der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

„Wir müssen die energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen anpassen, sodass klimaneutrale Technologien und Produkte relativ zu ihren fossilen Alternativen attraktiver werden.“