Interview Gerhard Walter

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek über die Bedeutung von grünem Wasserstoff für eine erfolgreiche Energiewende und die damit verbundenen Chancen deutscher Unternehmen.

„Deutschland muss Treiber und Trendsetter der Wasserstofftechnologie werden.“

Anja Karliczek
ist seit März 2018 Bundesministerin für Bildung und Forschung. Im Januar 2017 wurde sie zur Parlamentarischen Geschäftsführerin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gewählt. Die CDU-Politikerin ist verheiratet und Mutter von drei Kindern.
Bei den Bundestagswahlen 2013 und 2017 holte sie im
Wahlkreis Steinfurt III das Direktmandat.
Frau Karliczek, im „Spiegel“ äußerten Sie sich zu den Potenzialen grünen Wasserstoffs für Deutschlands Energiewende. Welche Reaktionen gab es auf Ihre Pläne?

Ich habe mich sehr gefreut, dass es so viele positive Reaktionen und innovative Ideen aus der Industrie, der Wissenschaft, aber gerade auch von Bürgerinnen und Bürgern gab. Grüner Wasserstoff ist für mich in der Tat der Energieträger der Zukunft. Er wird klimafreundlich aus Wind- und Sonnenenergie erzeugt. Grüner Wasserstoff ist aber nicht nur ein klimafreundlicher Energieträger, er kann sogar in der Industrie eingesetzt werden, um CO₂-Emissionen unschädlich zu machen. Damit hat er das Potenzial, die Energiewende wirklich ins Ziel zu bringen. Das wird weltweit gesehen. Nicht zuletzt wegen unserer zentralen Lage in Europa und wegen unserer starken Industrie wird genau hingeschaut, wie wir uns zu dieser Zukunftstechnologie positionieren.

Absolut. Damit Europa bis 2050 klimaneutral wird, müssen wir klimafreundliche Lösungen vor allem für die CO₂-intensiven Industrien der Stahl-  oder Chemieproduktion finden. Diese Herausforderung sehe ich – wie Herr Timmermans – als wirtschaftliche Chance für Europa. Der Grüne Wasserstoff kann der Game Changer sein. Und daher ist es wichtig, dass Deutschland Treiber und Trendsetter dieser Technologie wird. Schließlich sind wir Innovationsland und wollen es auch bleiben.

Um Grünen Wasserstoff effizient produzieren zu können, brauchen Sie viel Fläche, Wind und Sonne. Auch stabile politische Verhältnisse sind wichtig. Wir sind mit Australien im Gespräch und vor allem mit afrikanischen Staaten. Afrika hat in weiten Bereichen sehr viele Tagesstunden mit direkter, intensiver Sonnenlichteinstrahlung. Zu Afrika erarbeitet mein Haus gerade einen Potenzialatlas, der uns günstige und stabile Regionen aufzeigt.

Was wir brauchen, ist ein Kreislauf, in dem alle Beteiligten profitieren. Meine Idee ist, dass Deutschland die Technik verkauft, also Windräder, Meerwasserentsalzungsanlagen und Elektrolyseure. Unsere Partner in Afrika verkaufen uns im Gegenzug die Energie, die sie mithilfe deutscher Umwelttechnik herstellen. In der Vergangenheit haben wir in rund 20 Ländern im westlichen und südlichen Afrika, wie zum Beispiel Ghana, Forschungseinrichtungen aufgebaut. Wir sind dort als verlässliche Partner hochangesehen, weil wir auf Augenhöhe mit den Ländern zusammenarbeiten und auch Wertschöpfungsketten mit deutschen Unternehmen aufbauen. Und wenn in Afrika ein stabiles Wirtschaftssystem entsteht – auch dank der Wasserstoffindustrie –, dann wird der Kontinent insgesamt stabiler. Das ist doch im deutschen Interesse.

Wenn wir den Schritt in die Wasserstoffwirtschaft erfolgreich meistern, können wir die Technologie in viele Länder exportieren und so außerdem weltweit viel für die Klimawende tun. Wir haben das Know-how und die Fachkräfte für große Industrieanlagen. Unser Ziel muss sein, dass Deutschland bei der Wasserstofftechnologie Weltmarktführer wird. Aber wir müssen sehr schnell sein. Länder wie Frankreich, Norwegen, Japan, die USA und Kanada sowie vor allem China befassen sich intensiv mit der Wasserstofftechnologie.

In Zeiten des Klimawandels ist der Grüne Wasserstoff für mich ganz klar der Energieträger der Zukunft. Sie können ihn auch als das Öl von morgen bezeichnen – allerdings ohne die schädlichen Folgen. Wasserstoff kann überall verwandt werden, etwa auch als Autoantrieb oder zum Heizen. Das Potenzial ist also enorm. Darum lohnt sich auch jeder Euro, den wir in die Erforschung der Technologien stecken, zum Beispiel die zusätzlichen 310 Millionen Euro, die wir allein im Energie- und Klimafonds bis 2023 hierfür vorgesehen haben. Der grüne Wasserstoff kann die Energiewende ins Ziel bringen.

Wir führen schon heute gut 80 Prozent unserer Energie aus dem Ausland ein. Und es ist klar, dass sich Deutschland auch in den nächsten 50 Jahren nicht selbst mit Energie wird versorgen können. Rund 25 Prozent unseres Bedarfs werden wir nach Berechnungen von Experten aus heimischen Wind- und Solaranlagen gewinnen. Aber das reicht nicht. Meine Idee ist, unseren Energiebedarf bis 2050 zu mehr als 50 Prozent aus importiertem, nachhaltig erzeugtem Wasserstoff zu decken.

Fühlen Sie sich durch EU-Kommissions-Vizepräsident Frans Timmermans bestätigt, der erklärte, die europäische Wirtschaft zu einem weltweiten Vorreiter im Bereich Wasserstoff ausbauen zu wollen?

Sie erklärten, dass Deutschland als Industrienation auch noch in 50 Jahren Energieimporteur bleiben wird. Warum ist die Vorstellung von der Energieautarkie für unsere  Volkswirtschaft zu kurz gegriffen?

Der Ausbau von Windkraftanlagen an Land ist in Deutschland im vergangenen Jahr nahezu zum Erliegen gekommen. Hierzulande ist die Akzeptanz für diese Technologie bei der Bevölkerung offensichtlich an ihre Grenzen gestoßen. Welche Standorte bieten sich weltweit für die Produktion grünen Wasserstoffs besonders an?

Der Aufbau von Wasserstofferzeugungskapazitäten stellt für Entwicklungs- und Schwellenländer eine immense wirtschaftliche Chance dar, gleichzeitig ist der Aufbau einer neuen Infrastruktur eine große Herausforderung. Wie können die deutsche Forschungslandschaft und unser weltweit führender Maschinen- und Anlagenbau diese Länder unterstützen?

Inwiefern schaffen wir damit weltweit auch neue Absatzmärkte für unsere leistungsstarken Technologien „Made in Germany“?

Über Syntheseanlagen kann der grüne Wasserstoff direkt am Erzeugungsort in klimaneutrale flüssige Kraft- und Brennstoffe umgewandelt werden. Damit ließe sich erneuerbarer Strom sehr einfach speichern und weltweit transportieren. Wird grüner Wasserstoff damit zum Schlüssel für den Kampf gegen den Klimawandel?

„Meine Idee ist,
unseren Energiebedarf bis 2050
zu mehr als 50 Prozent aus
importiertem, nachhaltig erzeugtem Wasserstoff
zu decken.“