Henning Krumrey,
Jahrgang 1962, studierte Volkswirtschaft und Politikwissenschaft in Berlin und Köln und absolvierte die Kölner Journalistenschule. Energieexperte Krumrey
war unter anderem stellvertretender
Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“.
„Der grün-soziale Anstrich soll all die Skandale vergessen machen, die die Bankenwelt in Misskredit gebracht hatten.“

er sich die Entwicklung deutscher Banken in den vergangenen Jahren anschaut, findet eine lange Liste von Fehlleistungen und gescheiterten Finanzierungen. Wer sich aber die aktuellen Strategien der Geldhäuser anschaut, kommt aus dem Staunen nicht heraus: Die Zukunft möchten viele Kreditinstitute nun mit Ideologie gewinnen. „Green Finance“ oder auch „Sustainable Finance“ lauten die Schlagwörter, die derzeit auf fast jeder Tagung der Kreditwirtschaft stolz in die Welt posaunt werden. Der grün-soziale Anstrich soll all die Skandale vergessen machen, die die Bankenwelt in Misskredit gebracht hatten. Es waren vielleicht nicht gewissenlose, aber gewiss bodenlose Investitionsentscheidungen, die Milliardenverluste brachten – egal ob waghalsige Schiffsfinanzierungen (HSH Nordbank, NordLB) oder haarsträubende Immobilienschuldtitel aus den USA (Depfa Bank, IKB, aber auch Deutsche Bank und Commerzbank). Der Steuerzahler musste als Retter einspringen – die Geldhäuser hatten versagt. Nun wollen sie sich rehabilitieren und moralisch unangreifbar machen: Etliche Institute wollen nur noch Investitionen finanzieren, die den 17 Nachhaltigkeitszielen der UN entsprechen. Alles folgt der „environmental social governance“. Das freilich öffnet der ideologischen Willkür Tür und Tor. Denn der eine findet Atommeiler verwerflich, der andere würde mit der CO2-freien Kernenergie gern das Weltklimaretten. Bei religiös geprägten Bankhäusern kennen wir das seit Jahrzehnten, etwa bei der katholischen Pax-Bank oder der GLS Gemeinschaftsbank (für Leihen und Schenken). Aber wenn alle so vorgehen? Das Problem dabei: Wurde die Betriebswirtschaft in der Vergangenheit verdrängt

durch Geldgier oder schlampige Prüfung, wird sie nun ersetzt durch pure Ideologie. Mehr noch: Nichtmehr die unternehmerische Entscheidung des Kreditnehmers zählt – der natürlich einen tragfähigen Businessplan vorlegen musste –, sondern die jeweilige Nachhaltigkeitsgesinnung der Bankvorstände. Das Geld fließt nicht mehr dahin, wo es den größten Nutzen stiftet, sondern wo es den lautesten Beifall der Feuilletonschreiber einheimst.

Kreditsachbearbeiter, die bisher Bonität und Sicherheiten prüften, wollen nun also beurteilen, ob eine Solarzellenfabrik sozial-ökologisch besser ist als eine Hühnermastanlage; oder ob das Elektroauto (trotz seiner höchst problematischen Batterieproduktion) dem mit E-Fuels betankten Verbrenner gesamtgesellschaftlich überlegen ist.

Für etliche Bankkunden stellt sich damit aber eine existenzielle Frage: Woher bekommt der
Inhaber der Kfz-Werkstatt in Haselünne seine Anschlussfinanzierung, nachdem sich der Bankvorstand im fernen Frankfurt ein Votivbildchen der kleinen Greta auf den Schreibtisch gestellt hat? Darf ein Tankstellenbetreiber überhaupt noch Geld für die Modernisierung seiner Anlage aufnehmen? Und sollte die Bundeswehr irgendwann einmal wieder funktionierendes Gerät kaufen wollen, gibt’s das nur gegen Vorkasse. Denn die Geldverleiher möchten der Rüstungsindustrie keine Mittel mehr geben.

Alle Vorbehalte, die man gegen eine interventionistische Industriepolitik haben muss, gelten auch für die selbst ernannten Wirtschaftslenker in den Bankentürmen. Die Erstere ist allerdings wenigstens demokratisch legitimiert; Letztere wollen nur dem Zeitgeist und sich selbst gefallen. 

Banken wollen ihr schlechtes Ansehen aufpolieren und sich als grün-soziale Finanzierer profilieren – auf Kosten der Kunden. Die Geldmeister mutieren von Dienstleistern zu dirigistischen Industriepolitikern.  

Zeitgeist ist Geld