Henning Krumrey,
Jahrgang 1962, studierte Volkswirtschaft und Politikwissenschaft in Berlin und Köln und absolvierte die Kölner Journalistenschule. Energieexperte Krumrey
war unter anderem stellvertretender
Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“.
Doch es läuft wie gewohnt: Die Politik gibt die Technik vor, die Automobilhersteller dackeln hinterdrein ...

onjunktur entwickelt sich in Wellen, in kurzen (drei bis sieben Jahre) und in langen (bis 30 Jahre). Nicht anders verhält es sich mit der energiepolitischen Diskussion in Deutschland. Die langen Zeitläufe brachten nach der Kohle das Erdöl, später die Kernkraft hervor. Dann begann der Vormarsch der Erneuerbaren. Die schnelleren Zyklen spielen sich nun aktuell innerhalb der grünen Energie ab, insbesondere im Verkehrssektor. Der Gasmobilität – wahlweise mit Autogas oder CNG – folgte ein kurzer Wasserstoff-Hype, ehe das batteriegetriebene Elektroauto als vermeintliches Nonplusultra gefeiert wurde. Seit rund fünf Jahren haben die Akkus Hochkonjunktur in der politischen Debatte. Doch seit einigen Monaten läuft es wieder anders. Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass es so einfach nicht ist. Denn die Akkukutschen sind nicht sauber – weder angesichts des aktuellen Strommixes noch mit Blick auf Herstellung und Recycling der Speicher. Plötzlich kommt Wasserstoff wieder in den Blick: Zunächst für Lkw, Luft- und Schifffahrt, wo die Batterietechnik unstreitig nicht geeignet ist. Prompt legt das Wirtschaftsministerium eine „Nationale Wasserstoffstrategie“ vor und BMW kündigt den Markteintritt neuer Wasserstoff-Pkw für 2022 an. Und das, obwohl es erst 82 öffentliche Wasserstofftankstellen hierzulande gibt (und fast 14.500 mit herkömmlichem Treibstoff).
Doch so wie sich Konjunkturen wiederholen, wiederholen sich auch die Fehler in der Debatte. Denn wieder entscheidet die Regierung, mit welcher Technik die Wirtschaft voranzukommen hat. Der Schwerpunkt liegt auf der Direktverwendung des Wasserstoffs, nicht so sehr auf der Speichermöglichkeit oder der Nutzung als Zwischenprodukt für die Herstellung von E-Fuels. Der neue Aktionismus ist Ausweis des generellen Problems der deutschen Energiepolitik: Stets beschränkt sie sich auf Teilsichten, nie richtet sie den Blick auf das große Ganze. Es fehlt seit Jahrzehnten ein umfassendes Konzept, das jedem Energieträger einen Platz in vernünftigem Einsatz und realistischer Menge lässt. Das hat vor allem zwei Gründe: ideologische Fixierung und staatliche Verordnung. Denn statt Ergebnisse und Leistungen vorzugeben und den Ingenieuren und Kaufleuten die Realisierung aufzuerlegen – und damit zu überlassen –, geben Regierung und Parlament die vermeintlich richtige Lösung vor. Das kann erstens schiefgehen (eine Physikerin im Kanzleramt ersetzt kein Parlament ohne Naturwissenschaftler und Unternehmer) und wird zweitens garantiert kostspielig. So schwappt auch die neue Diskussionswelle über jene Energieträger hinweg, die am einfachsten einzuführen wären. E-Fuels, also mit Strom erzeugte grüne Kraftstoffe, sind zwar noch teurer als Erdöl-Sprit, verfügen aber im Vergleich zur Batterie und zu direkt verwendetem Wasserstoff über einen praktischen wie finanziellen Vorteil: Sie können mit der vorhandenen Infrastruktur, sprich: dem dichten Tankstellennetz in ganz Europa, leicht auf die Straße gebracht werden. Keine Ladesäulen sind nötig, Produktion und Nutzung sind ungefährlich.
Doch es läuft wie gewohnt: Die Politik gibt die Technik vor, die Automobilhersteller dackeln hinterdrein – teils mangels eigener Vorstellungen, teils aus Angst, bei den Regierenden in Ungnade zu fallen.
Um nicht missverstanden zu werden: Das Primat der Politik ist in der Demokratie unantastbar. Nur: Die Prioritäten sind falsch. Denn das gesellschaftliche Ziel ist ja nicht das Akku-Auto, sondern die umweltverträgliche Mobilität. Dieses Ziel soll, ja muss der Staat vorgeben. Ist der Rahmen richtig gesetzt, liefern Wissenschaft und Wirtschaft das gewünschte Ergebnis zum günstigsten Preis.

Die deutsche Energiepolitik blickt einseitig auf die Direktanwendungen beim Wasserstoff. Speichermöglichkeiten oder die Nutzung von H2 als Zwischenprodukt etwa für die Herstellung von E-Fuels bleiben außer Acht. Ein Fehler. 

Von Denkern
und Dackeln