text Florian Flicke
Deutschland droht seine Energiewende-Ziele für das Jahr 2030 deutlich zu verfehlen. Grund dafür sind das schleppend wachsende Angebot und vor allem die steigende Nachfrage nach erneuerbarem Strom. Abhilfe könnte eine klaren Importstrategie für Power-to-X-Erzeugnisse bieten.

Grosse
Lücke

Kraft der Sonne:
Synthetische Kraftstoffe und Wasserstoff auf Basis erneuerbar erzeugten Stroms könnten zum Game Changer für das Erreichen der ambitionierten deutschen Energiewende-Ziele werden. Dafür ist
allerdings eine klare Importstrategie für grünen Strom notwendig.
Die Regierung kalkuliert zu knapp
„Ob Deutschland das 65-Prozent-Ziel für 2030 erreicht, hängt vor allem von zwei zentralen Größen ab. Erstens spielt die zukünftige Entwicklung der Stromnachfrage eine zentrale Rolle. Zweitens der Ausbau erneuerbarer Energien, hier werden besonders die Windenergie und die Photovoltaik entscheidend sein“, sagt EWI-Manager Max Gierkink.
Zudem kalkuliert die Bundesregierung nach EWI-Berechnungen mit einer zu geringen Stromnachfrage. Die Bundesregierung geht gemäß BT-Drucksache 19/13900 bis 2030 von einem Bruttostromverbrauch „geringfügig unterhalb des heutigen Niveaus“ von 595 Terawattstunden aus. Das EWI kommt hingegen – basierend auf der dena-Leitstudie von 2018 und den Zielen des Klimaschutzprogramms 2030 – auf eine Bruttostromnachfrage von 748 Terawattstunden. Der Grund für den Run vor allem auf grünen Strom ist schnell ausgemacht. „Zentrale Treiber für den Anstieg sind die wachsende Anzahl von Elektrofahrzeugen und Wärmepumpen“, sagt Gierkink. „Weiterhin gewinnt die Produktion von grünem Wasserstoff mithilfe des Elektrolyseverfahrens an Bedeutung.“
Das inländische Angebot an grünem Strom kommt angesichts der boomenden Nachfrage kaum mehr hinterher.
Vor allem der Zubau von Windenergieanlagen an Land stockt seit langem – weil es ohne die üppige Förderung der Vergangenheit offenkundig kaum mehr geht, wenig investiert wird und sich zudem von Rostock bis in die Voralpen immer heftigerer Bürgerwiderstand gegen neue Windräder formiert. In den vergangenen beiden Jahren, konstatiert Agora Energiewende, sei der Bruttozubau von Windkraftanlagen an Land „geradezu kollabiert“. Immerhin haben sich Bund und beteiligte Länder vor kurzem über den forcierten Ausbau der Windkraftproduktion auf hoher See geeinigt – diese soll bis zum Jahr 2030 auf 20 Gigawatt Leistung ausgebaut werden. Bisher waren maximal 15 Gigawatt vorgesehen.
Das absehbare Verfehlen des 65-Prozent-Ziels hat vielfältige negative Folgen, mahnt der Thinktank aus Berlin: „Weniger Ökostrom und mehr Strom aus fossilen Energieträgern führen zu höheren Industriestrompreisen und höheren CO₂-Emissionen.“ Bei nur 55 Prozent Erneuerbaren-Anteil steigen die Börsenstrompreise bis 2030 nach diesen Berechnungen um fünf bis zehn Euro je
Megawattstunde und die Emissionen um fünf bis 20 Millionen Tonnen CO₂.  
Nach all den schlechten Nachrichten endet Agora Energiewende mit einem versöhnlichen Ausblick: „Die Einhaltung des 65-Prozent-Ziels bis 2030 ist noch möglich, setzt aber eine Politik voraus, die schnell und proaktiv auf Beschleunigung der Energiewende setzt.“ Zugleich dürfte die Nachfrage nach grünem Strom in den kommenden Jahren weiter steigen – vor allem nach  synthetischen, klimaneutralen Kraftstoffen. „Wir müssen die Produktion  erneuerbarer Energien hochfahren, so weit und so schnell es geht“, sagt Ralph-Uwe Dietrich. Der promovierte Ingenieur ist Gruppenleiter Technoökonomische Analyse beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Er beschäftigt sich intensiv mit der Luftfahrt der Zukunft – und die kann aus seiner Sicht nur grün sein. Doch elektrische Antriebe sind ob des Platzbedarfs und Gewichts von Batterien keine Option für große Jets. Seine Hoffnungen setzt Dietrich daher unter anderem auf E-Fuels, die dem klimaschädlichen Kerosin bei entsprechender Vorgabe und Förderung durch die Politik den Rang ablaufen könnten. „Wenn wir nicht die Mobilität verbieten wollen – was wir nicht tun sollten –, gibt es nur die Option, auf klimaneutrale Antriebsstoffe zu setzen“, stellt er klar.

Importstrategie für grünen Strom
Bleibt die Frage, woher der ganze grüne Strom kommen soll. Gerade hinter allzu ambitionierte Zubaupläne bei inländischen Windprojekten muss nach den vergangenen flauen Jahren ein großes Fragezeichen gesetzt werden. Und trotz der Einigung beim Ausbau der Offshore-Windparks kann die deutsche Politik eine Tatsache nicht verändern: Eine kleine Küste bleibt eine kleine Küste.
Auch unter wirtschaftlichen Aspekten wäre zu prüfen, ob das praktisch letzte Ausnutzen jedes verfügbaren nationalen Quadratmeters für Photovoltaik- oder Windkraftanlagen sinnvoll ist. Es gibt Regionen auf der Erde, in denen der Wind stärker weht und es wesentlich sonniger ist als in Deutschland. An einer Importstrategie für Grünstrom führt kein Weg vorbei.

ie Warnung ist gleich zu Beginn der Studie unmissverständlich formuliert:„Deutschland läuft Gefahr, das im Klimaschutzprogramm der Bundesregierung angestrebte Ziel, bis 2030 mindestens 65 Prozent seines Stroms aus Erneuerbaren Energien zu erzeugen, deutlich zu verfehlen. Die Zielverfehlung um etwa zehn Prozentpunkte tritt selbst dann ein, wenn sich der Zubau von Windenergieanlagen an Land bis 2023 gegenüber dem Krisenjahr 2019 verdoppelt und der Ausbau der Windenergie auf See ebenso wie der der Photovoltaik entlang der Zielvorgaben des Klimaschutzprogramms 2030 erfolgt. Ohne einen zusätzlichen politischen Impuls ergibt sich im Jahr 2030 ein Stromanteil aus Erneuerbaren Energien von nur etwa 55 Prozent.“ Derzeit sind es knapp 43 Prozent.
In ihrem im März veröffentlichten Kurzgutachten „Die Ökostromlücke, ihre Effekte und wie sie gestopft werden kann“ zeigen Agora Energiewende und das Beratungsunternehmen Wattsight unmissverständlich auf: Der aktuelle Trend, den Deutschland eingeschlagen hat, führt weit vom 65-Prozent-Zwischenziel 2030 und damit auch von der angestrebten vollen Klimaneutralität 20 Jahre später weg.
Noch größer ist die drohende Lücke beim Ökostrom nach Berechnungen der Experten des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln: Das Team des EWI hat Anfang dieses Jahres berechnet, dass der Bruttostromverbrauch bis 2030 auf 748 Terawattstunden zulegen könnte. Gleichzeitig würde die Stromerzeugung aus Erneuerbaren auf 345 Terawattstunden ansteigen. Der Anteil erneuerbarer Energien würde somit bei sogar nur 46 Prozent statt der avisierten 65 Prozent liegen. Einig sind sich EWI und Agora Energiewende darin, dass das Ziel von 65 Prozent Stromanteil der Erneuerbaren 2030 gleich von zwei Seiten in den Schraubstock gerät: Zum einen stockt der Zubau erneuerbarer Energien, vor allem bei Windparks. Und zum anderen wächst die Nachfrage nach erneuerbarem Strom immer weiter.