„E-Fuels – ein wichtiger
Baustein
für die Energiewende“
TEXTGerhard Walter

Herr Dr. Rolle, weshalb ist eine Roadmap zur Schaffung einer globalen Power-to-X-Industrie jetzt so wichtig?

Das Thema liegt gewissermaßen auf der Straße. Alle großen Energieszenarien der vergangenen Monate zeigen, dass anspruchsvolle Klimaziele starke Steigerungen der Energieeffizienz erfordern sowie eine Ausweitung direkt genutzten erneuerbaren Stroms in vielen Bereichen. Aber sie werden am Ende auch nicht ohne Power-to-X-Technologien als drittem Element erreicht werden können. Wie aber kommen wir dahin? Welche Akteure und Partnerschaften braucht es? Und wann müssen wir beginnen, uns darum zu kümmern? Die Antwort auf die letzte Frage ist eindeutig: Wir müssen sofort beginnen, damit wir rechtzeitig alle nötigen Technologien wirklich großtechnisch verfügbar haben. Wir sprechen über einen langfristigen Entwicklungspfad, den es zu planen gilt.

Braucht es für den Ausbauder PtX-Technologien und PtX-Anlagen Anschubhilfe durch den Staat?

Wie bei allen großen, neuen Technologien ist auch bei der Produktion und Nutzung von E-Fuels ein bisschen Schub nötig. Das war bei den erneuerbaren Energien so; das war früher bei fossilen Technologien so. Letztendlich geht es darum, ein Bewusstsein, einen Marktwert zu schaffen und zu zeigen, dass
E-Fuels ein wichtiger Baustein für die Energiewende sind. Kurzum – ohne E-Fuels werden die ambitionierten Klimaziele nicht erreichbar sein. Und erst wenn dieses Bewusstsein vorhanden ist, können wir die verschiedenen anderen Schritte angehen, wie etwa den Bau von Pilot- und Demo-Projekten bis hin zur industriellen Produktion. Anschließend geht es darum, Marktsegmente zu erschließen.

ie westlichen Industriestaaten haben sich zur massiven Verringerung von Kohlendioxid verpflichtet. Dieses ambitionierte Ziel lässt sich nur mithilfe synthetischer Kraft- und Brennstoffe aus erneuerbarem Strom erreichen. Dafür braucht es aber einen „dezidierten Fahrplan zur Schaffung einer globalen
E-Fuels-Industrie“, fordert Dr. Carsten Rolle, Geschäftsführer des Weltenergierats – Deutschland.

Die Ergebnisse der vom Weltenergierat in Auftrag gegebenen Studie „Internationale Aspekte einer Power-to-X Roadmap“ sind eindeutig: Wenn Deutschland die Energiewende aktiv gestalten will, müssen synthetische Kraft- und Brennstoffe aus erneuerbarem Strom zum dritten Standbein einer globalen Transformation werden – neben der Energieeffizienz und der direkten Nutzung von Strom aus erneuerbaren Energien. Im Interview erklärt Dr. Carsten Rolle, Geschäftsführer beim Weltenergierat – Deutschland, warum die Entwicklung von E-Fuels viel Potenzial für internationale Kooperation bietet.

Doch wie lässt sich die Nachfrage nach E-Fuels steigern? In der Öffentlichkeit werden E-Fuels ja immer noch mit dem Exotenbonus etikettiert.

Da haben Sie Recht, das ist leider wahr. So gibt es einige Länder, die mit den Begriffen Power-to-X oder E-Fuels nicht viel anfangen können. In Deutschland wiederum sind wir technologisch bei dem Thema ziemlich weit vorn. Das liegt auch daran, dass die Kompetenz beim Anlagenbau hierzulande stark vertreten ist. Im globalen Rahmen muss deshalb das Thema E-Fuels mit kleinen Schritten beginnen: Zunächst einmal müssen wir zeigen, dass die Produktion von E-Fuels praktisch überhaupt möglich ist. Und dann gilt es in einem zweiten Schritt, andere Länder davon zu überzeugen, dass die Produktion von E-Fuels gemeinsam günstiger wird und nur gemeinsam große Märkte erschlossen werden können. Das wird nicht allein aus einem Land oder zwei Ländern hervorgehen. Im Weltenergierat werden wir die globale Kompetenz der Unternehmen zum Thema PtX nun bündeln und einen regelmäßigen Austausch von Unternehmen zu den internationalen Entwicklungen organisieren. Da ist ein globales Netzwerk wie das des World Energy Councils natürlich von Vorteil.

Wie wäre es denn, wenn zum Beispiel in Deutschland E-Fuels steuerlich gefördert werden würden?

In der Erprobungsphase gehören eine steuerliche Förderung oder auch Beimischungsquoten zu den Lösungsansätzen, um die Produktion und Nutzung von E-Fuels in die Wettbewerbsfähigkeit zu überführen. Mittel- und langfristig muss der grüne Mehrwert von E-Fuels greif- und spürbar werden. Letztlich werden diese Aspekte Teil einer größeren, idealerweise international koordinierten Reform desSteuer- und Abgabensystems sein müssen, das CO2-Preissignale stärkt.

Inwieweit sind internationale Kooperationen und Handelsvereinbarungen für die globale Einführung von E-Fuels wichtig – etwa zum Schutz von Investitionen in Ländern, die politisch instabil sind?

Dieser Aspekt ist sehr wichtig, denn es ist ganz klar, dass wir PtX nicht in den Mengen in Deutschland sinnvoll produzieren können, wie wir sie für anspruchsvolle Klimaziele benötigen würden. Der logisch nächste Schritt, den wir als Weltenergierat unterstützen wollen, ist es daher, frühzeitig in internationalen Kooperationen das Thema zu entwickeln. Dieses Element fehlt bislang noch. Wir haben in unserer Studie daher sehr genau analysiert, wo geografisch optimale Bedingungen vorherrschen. Zusammen mit der Verfügbarkeit von regenerativ erzeugtem Strom, Infrastruktur und großen Flächen für den Bau der Produktionsanlagen sind die politischen und sozialen Kriterien sehr wichtig. Insofern können auch bewährte Instrumente der Außenwirtschaftsförderung, wie beispielsweise Bürgschaften oder andere Kreditabsicherungsinstrumente, wichtige Bausteine sein, um solche Großinvestitionen zu unterstützen.

Verbessern die Produktion und der Import von synthetisch erzeugten Kraft- und Brennstoffen aus Schwellen- und Entwicklungsländern die ökonomischen und sozialen Bedingungen der Menschen vor Ort?

Kann die Produktion vonE-Fuels auch dabei helfen, das große Thema Flucht in den Griff zu bekommen?

Die Bekämpfung von Fluchtursachen ist ein großes politisches Thema mit hoher Sensibilität und vielen Facetten. Was immer an nachhaltiger Wertschöpfung bei der Produktion von E-Fuels in den Erzeugerländern aufgebaut wird, kann mithelfen, Perspektiven für wirtschaftliche Entwicklung und damit gesellschaftliche Stabilität zu schaffen. Insofern wäre die Herstellung von E-Fuels auch ein Aspekt der Entwicklungszusammenarbeit – und eine Möglichkeit, vor Ort die Menschen mit klima-freundlichen, synthetischen Kraft- und Brennstoffen zu versorgen.

Kurz und knapp – die Produktion von E-Fuels kann Wertschöpfung mitaufbauen und so die wirtschaftliche Entwicklung in diesen Ländern unterstützen. Dies bietet nach der Produktion erneuerbaren Stroms für lokale Bedarfe eine zusätzliche Wertschöpfungsstufe. In Ländern, in denen heute erfolgreich Öl und Gas gefördert wird, bieten E-Fuels eine sinnvolle Option für die Zeit, wenn die fossilen Energiereserven und die Nachfrage nach fossilen Energieträgern einmal zurückgehen sollten.