Interview Gerhard Walter

Für das Gelingen der Klima- und Energiewende müssen alle politischen Parteien ihre Scheuklappen ablegen und eine größere Technologieoffenheit zeigen, fordert der CDU-Wirtschaftsexperte Stefan Rouenhoff.  Er setzt große Stücke auf eine Wasserstoffallianz mit den Staaten Afrikas.

„Es wird höchste Zeit“

Stefan Rouenhoff
sitzt seit 2017 für die CDU im Deutschen Bundestag. Er ist Mitglied des Ausschusses für Wirtschaft und Energie und Leiter der Projektgruppe Afrika-Partnerschaften der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Der 41-Jährige war zuvor Referent und Sprecher im Bundesministerium für
Wirtschaft und Energie sowie Handelsattaché an der Ständigen Vertretung Deutschlands bei der
Europäischen Union in Brüssel.
Herr Rouenhoff, warum haben Sie mit anderen MdBs aus der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion gerade jetzt das Positionspapier „Grüner Wasserstoff als Chance für eine Partnerschaft auf Augenhöhe“ veröffentlicht?

Viele Menschen fragen sich, wie es nach der Covid-19-Pandemie in Deutschland wirtschaftlich weitergehen wird, wie es um die europäischen Volkswirtschaften bestellt ist. Wir werden nur dann stärker aus der Krise
hervorgehen, wenn wir die drängenden Themen unserer Zeit beherzt angehen – unsere Innovationskraft stärken, die Digitalisierung vorantreiben und uns entschlossen dem Klimaschutz widmen. Wenn wir beim Klimaschutz in großen Schritten vorankommen wollen, dann brauchen wir auch neue, langfristige Klima- und Energiepartnerschaften sowie eine größere Technologieoffenheit. Im Bereich der erneuerbaren Energien sind unsere wind- und sonnenreichen afrikanischen Nachbarn natürliche Partner. Der aus erneuerbaren Energien herstellbare grüne Wasserstoff kann die wirtschaftliche Entwicklung in Entwicklungs- und Schwellenländern vorantreiben und gleichzeitig helfen, einen gewichtigen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.

Es wird höchste Zeit, dass die Politik ihre ideologischen Scheuklappen ablegt und nicht vorzuschreiben versucht, in welchen Wirtschaftsbereichen bestimmte Technologien zum Einsatz kommen. Politische Zielvorgaben wie „All electric“ sind daher fehl am Platz. Vielmehr brauchen wir Investitionsanreize für unterschiedliche Technologien. Allein der Marktpreis sollte darüber entscheiden, ob und in welchen Wirtschaftssektoren etwa grüner Wasserstoff oder dessen veredelte Formen – synthetische Kraftstoffe – Anwendung finden. Heute bereits wissen zu wollen, ob etwa im Verkehrssektor nur bei Lastkraftwagen oder auch bei Personenkraftwagen grüner Wasserstoff oder synthetische Kraftstoffe zur Anwendung kommen, halte ich für anmaßend. Darüber hinaus brauchen wir neue klima- und energiepolitische Kooperationen, die bisherige Lieferbeziehungen diversifizieren und nicht zementieren.

Bei allen Schwierigkeiten, denen das Desertec-Projekt von Anfang an ausgesetzt war, ist eine Herausforderung besonders hervorzuheben: die Transportinfrastruktur. Zwar ging es bei diesem Projekt um Stromlieferungen nach Europa – also eine etwas andere Konstellation als beim speicherbaren Wasserstoff. Aber auch hier kann die Transportinfrastruktur eine Achillesferse darstellen. Deshalb ist bei künftigen Energieprojekten auf diesen Aspekt ein besonderes Augenmerk zu richten. Wenn es gelingt, grünen Wasserstoff wirtschaftlich tragfähig in E-Fuels umzuwandeln, dann ist eine große Hürde genommen. Denn flüssige Energieträger sind wesentlich leichter handelbar. Ein Transport kann über
bereits vorhandene Infrastrukturen erfolgen. Und es besteht so die Chance, dass sich ein internationaler Markt mit einem Weltmarktpreis entwickelt.

Eine entscheidende! Wir wollen die Pariser Klimaschutzziele erreichen und die Dekarbonisierung unserer Volkswirtschaften vorantreiben. Als Industrieland werden wir unseren Energiebedarf nicht allein mithilfe der erneuerbaren Energien aus dem eigenen Land decken können. Auch dann nicht, wenn wir unser Land mit Windkraft- und Photovoltaikanlagen zupflastern. Von den Akzeptanzproblemen mal ganz abgesehen. Deutschland ist genauso wie andere EU-Länder seit Jahrzehnten von Energieimporten aus Drittländern abhängig – etwa von Gasimporten aus Russland und Erdölimporten aus dem Nahen Osten. Und das hat selbst in schwierigen außenpolitischen Zeiten funktioniert. Auch bei grünem Wasserstoff sowie hieraus hergestellten synthetischen Energieträgern werden außereuropäische Abhängigkeiten unvermeidbar sein. Sicherlich lässt sich auch in dünner besiedelten Gebieten im Süden oder Südosten Europas grüner Wasserstoff herstellen. Aber es gibt Länder mit noch besseren Voraussetzungen.

Mit einer Importstrategie lassen sich klima-, industrie- und entwicklungspolitische Ziele sinnvoll miteinander verknüpfen. Deshalb richtet sich unser Fokus auf Afrika. Uns geht es darum, mit ausgewählten afrikanischen Staaten neue, langfristige Partnerschaften für den Ausbau erneuerbarer Energien und den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft auf den Weg zu bringen. Hiervon können afrikanische Staaten in vielfältiger Weise profitieren: mehr Direktinvestitionen, eine zukunftsfähige und sichere Energieversorgung, neue Exportchancen und zukunftsträchtige Arbeitsplätze. Marokko beispielsweise will mit grünem Wasserstoff in den synthetischen Kraftstoffmarkt einsteigen. Gleichzeitig ist ein Forschungsprojekt geplant, um Ammoniak herzustellen – ein Ausgangsstoff für die Düngemittelherstellung. Bisher wird Dünger in dem landwirtschaftlich geprägten Land fast ausschließlich importiert. Die Nachfrage nach Dünger auf dem afrikanischen Kontinent steigt stark an. Die Schaffung neuer, klimaneutraler Exportprodukte ist daher für Marokko eine attraktive Perspektive.

Eine zentrale! Deutsche Firmen verfügen über das notwendige Know-how. Sie sind bei der Wasserstoffproduktion und -verarbeitung gut aufgestellt. Aber auch Firmen aus anderen Ländern schlafen bei der Weiterentwicklung von Wasserstofftechnologien nicht. Daher geht es darum, die Forschung und Entwicklung in diesem Wirtschaftsbereich schneller voranzutreiben und die deutsche Industrie als weltweit führenden Ausrüster von Produktionsanlagen für Wasserstoff zu positionieren. Mit dem Aufbruchspaket hat sich der Koalitionsausschuss im Juni auf zahlreiche Maßnahmen zur Förderung der Wasserstoffproduktion und -verarbeitung verständigt. Und wenige Tage später hat die Bundesregierung auch ihre Nationale Wasserstoffstrategie vorgelegt. Das sind wichtige Schritte auf dem Weg in Richtung einer klimaneutralen Volkswirtschaft.

Synthetische Kraftstoffe können in der Zukunft einen wichtigen Beitrag zur CO₂-Reduktion in den Volkswirtschaften leisten. Damit die Herstellung von E-Fuels jedoch nachhaltig und wirtschaftlich darstellbar ist, muss zunächst der Energieverlust im Umwandlungsprozess deutlich reduziert werden. Hier ist das Know-how der deutschen Forschungslandschaft sowie deutscher Anlagen- und Maschinenbauer in besonderer Weise gefordert. Gelingt hier der Durchbruch – eine Produktion in großem Maßstab –, so kann sich ein neuer zukunftsträchtiger Wirtschaftszweig mit enormen Exportchancen für die deutsche Wirtschaft entwickeln.

Welchen Stellenwert haben Technologieoffenheit, neue Denkansätze und mehr Mut zu internationalen Kooperationen in der deutschen
Klima- und Energiepolitik?

Inwieweit können Power-to-X-Technologien zur Produktion synthetischer Energieträger auf Wasserstoffbasis neue Chancen eröffnen?

 Sie fordern den „Aufbau der Wasserstoffwirtschaft einschließlich Transportinfrastruktur“. Welche Vorteile haben flüssige Energieträger?

Welche Rolle sollten außereuropäische Produktionsgebiete und Importe in Europas Wasserstoffstrategie spielen?

Wie profitiert Afrika von einer deutschen Importstrategie für Wasserstoff und Wasserstoffprodukte?

„Es geht darum,
die deutsche Industrie als weltweit führenden Ausrüster von Produktionsanlagen für
Wasserstoff zu
positionieren.“

Welche Rolle nimmt Technologie „made in Germany“ beim Aufbau einer afrikanischen PtX-Industrie ein?