Interview Gerhard Walter

Für Judith Skudelny werden die Potenziale synthetischer Kraft- und Brennstoffe von Teilen der Politik ignoriert. Im Interview erklärt die umweltpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, warum E-Fuels für den Klimaschutz unverzichtbar sind.

„Klimaneutraler Individualverkehr ist nur mit E-Fuels möglich.“

Deutschland ist ein Energie-Importland. Ob wir Uranbrennstäbe, Öl, Kohle, Gas, Strom oder Wasserstoff importieren, ist eigentlich egal. Wichtig ist nur, dass unsere Importabhängigkeit nicht zu einem politischen Risiko, zu einer Achillesferse wird. Das erreichen wir, indem wir neben einer guten Außen- und Wirtschaftspolitik die Energieträger diversifizieren. Also eine möglichst große Bandbreite an Energieträgern für uns nutzbar machen, um nicht von einem Land oder einer Region abhängig zu werden. Beim Import von Wasserstoff sehe ich viel Potenzial, Deutschland hier für die Zukunft noch besser aufzustellen.

Frau Skudelny, klimaneutral hergestellte E-Fuels werden derzeit als Lösung für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren, aber auch für Heizungsanlagen, die flüssige Energieträger verwenden, intensiv diskutiert. Wie und wann haben Sie das Thema E-Fuels für sich entdeckt und welche Rolle spielen E-Fuels für Sie? Welche Vorteile verbinden Sie damit?

Welche Rolle spielt für Sie der Ansatz, Importe von wasserstoffbasierten Energieträgern aus sonnen- und windreichen Regionen der Erde in die Energiewende einzubeziehen?

Das Thema entdeckt habe ich bereits 2018. Damals ist eine Firma auf mich zugekommen und hat mir erzählt, dass die Bundesregierung verhindert, dass synthetische Kraftstoffe auf dem deutschen Markt verkauft werden dürfen. Das wollte ich zunächst nicht glauben. Nach einer kleinen Anfrage an die Bundesregierung hat sich dann aber herausgestellt: Das ist tatsächlich so!

Leider nein. Angefangen bei der Frage, warum weder bei den Flottengrenzwerten noch bei der Feinstaub- und Stickoxiddebatte die Vorteile der synthetischen Kraftstoffe gewertet werden, wird das Thema synthetische Kraftstoffe in der Politik nirgendwo richtig anerkannt. Auch bei der RED II Richtlinie bis hin zur Wasserstoffstrategie wird E-Fuels nur ein beschränktes Einsatzgebiet zugewiesen. Schön ist ja, dass sie überhaupt einen Platz im Strategiepapier bekommen haben. Mir aber wäre eine perspektivisch größere Rolle von E-Fuels im Energiemix wichtig. Schließlich ist nichts so nachhaltig, wie bestehende Fahrzeuge klimaneutral zu fahren – und das ist gerade im Individualverkehr nur mit E-Fuels zu erreichen.

Wird aus Ihrer Sicht das Potenzial synthetischer flüssiger Kraft- und Brennstoffe von der Politik genug anerkannt, beispielsweise mit der im Juni verabschiedeten Nationalen Wasserstoffstrategie der Bundesregierung?

„Ein fairer
Wettbewerb der besten Technik
ist der einzige
zukunftsfähige Weg!“
Judith Skudelny
ist Rechtsanwältin und Mitglied des Deutschen Bundestages. Ihre politische Leidenschaft gilt der Umweltpolitik. Seit 2015 ist sie Generalsekretärin der FDP Baden-Württemberg. Judith Skudelny ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern.

Batteriebetriebene Elektromobilität wird von der Bundesregierung enorm finanziell gefördert, sei es beim Fahrzeugkauf oder bei der Ladeinfrastruktur. Gleichzeitig räumt man ein, dass E-Autos nicht klimaneutral sind, weil die Batterieherstellung beispielsweise in China CO₂-intensiv ist. Wie passt dies aus Ihrer Sicht zusammen?

Gar nicht. Deswegen setze ich mich schließlich für eine ehrliche und verantwortungsvolle Klima- und Umweltpolitik ein.

Ist die batterieelektrische Mobilität also nur eine von mehreren möglichen Technologien der Zukunft?

Die batterieelektrische Mobilität darf und muss sich gleichberechtigt am Markt durchsetzen. Was im Moment passiert, ist ein Wettbewerb, bei dem die batterieelektrischen Fahrzeuge einen deutlichen Vorsprung bekommen. Und selbst damit akzeptiert die breite Masse sie nicht. Dass wir eine Technologie so subventionieren, ist Planwirtschaft. Planwirtschaft sollte und kann sich Deutschland aus meiner Sicht nicht leisten – seit Corona schon dreimal nicht. Ein fairer Wettbewerb der besten Technik ist der einzige zukunftsfähige Weg!

Sie vertreten einen Wahlkreis in Stuttgart, der wirtschaftlich stark von der Automobil- und Automobilzuliefererindustrie profitiert, aber auch davon abhängt. Wie können diese Arbeitsplätze in Zukunft gesichert werden angesichts der derzeitigen Krisen und von der Politik forcierten Antriebswechsel?

Wie viel Platz habe ich, die Frage zu beantworten? Aktuell läuft sehr viel in die falsche Richtung. Wir müssen zuerst unsere Marktfähigkeit verbessern. In Deutschland haben wir die Rahmenbedingungen der Produktion sukzessive verschlechtert: Von den Energiekosten bis zur Infrastruktur haben wir uns sehr auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausgeruht. Wir müssen wieder den Wert unserer eigenen Arbeit ins Schaufenster stellen – wir haben 100 Jahre Vorsprung bei der Entwicklung hocheffizienter Verbrenner, wir haben die besten Ingenieure und Techniker der Welt, über unsere Autos wurden Lieder geschrieben – Janis Joplin zum Beispiel wollte einen Mercedes-Benz, notfalls vermutlich auch einen Porsche. Und heute? Fahrverbote. Wir müssen uns die Märkte innerhalb und außerhalb Europas erhalten und neue Märkte erschließen. Deutschland und Europa unterliegen dem demografischen Wandel, wir müssen den Anschluss an die wachsenden Märkte halten. International müssen wir dazu unsere Handelsbeziehungen durch Handelsabkommen stärken. Die Flottengrenzwerte haben als klimapolitisches Instrument versagt. Sie stehen zudem im Ruf, dass mit ihnen Industriepolitik durch die Hintertür betrieben wird. Die Flottengrenzwerte sollten durch ein ganzheitliches Klimakonzept ersetzt werden, das die Klimaziele auf einem marktwirtschaftlichen Weg erreicht. Ein solches hat die FDP im Bundestag bereits im vergangenen Jahr vorgelegt. Ganz aktuell ist zu sagen: Die drohenden Strafzahlungen für die Automobilindustrie kommen absolut zur Unzeit und gefährden viele Arbeitsplätze bei uns zusätzlich. Hier sollten pragmatische Lösungen für eine unserer Schlüsselindustrien gefunden werden, die die Investitionsfähigkeit und finanzielle Resilienz gerade in den heute schwierigen wirtschaftlichen Zeiten erhält.

Gern wird bei der Batterie-Elektromobilität der wichtige Absatzmarkt China als Argument angeführt. Doch ist das nicht viel zu kurz gegriffen, zumal sich China sich breiter aufzustellen scheint und auch das Thema Wasserstoff und wasserstoffbasierte Folgeprodukte in den Fokus zu nehmen?

China ist ein Land mit wachsendem Mobilitätsbedarf. Ich prognostiziere, dass die Menschen dort langfristig alle Antriebe nutzen werden. Anders ist ein solches Flächenland nicht zu erschließen. Was mich ärgert, ist, dass Politiker meinen, zu wissen, was asiatische Kunden in Zukunft wollen. Dabei hat in der Vergangenheit kein Politiker auch nur ein einziges Auto da drüben verkauft. Unsere Automobilunternehmen sind diejenigen, die Märkte analysieren und Szenarien durchspielen und einschätzen. Daher müssen wir unsere Unternehmen im internationalen Wettbewerb stärken, damit sie im globalen Wettbewerb bestehen können.

Inwiefern gehen durch diese bisherige einseitige Sichtweise hierzulande Technologieoffenheit und internationale Wettbewerbsfähigkeit verloren?

Na ja, wenn die Politik die Wirtschaft technologisch in eine Richtung drängt, kann die Richtung richtig sein, muss sie aber nicht. Durch die künstliche Privilegierung einer Technologie geht Resilienz verloren. Schon meiner Tochter bringe ich bei, nicht immer nur eine Farbe bei der Kleidung zu kaufen. Ist die Farbe plötzlich „out“, hat sie nichts mehr zum Anziehen. Das kann auch passieren, wenn wir planwirtschaftlich gelenkt 1.000 Ausführungen einer Antriebsart haben.

2021 wird die EU die Verordnung zu den EU-Flottengrenzwerten für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge angehen. Diese steht in der Kritik, da sie nur die Nutzung der Fahrzeuge – Tank-to-Wheel –  betrachtet und die Direktstromverwendung grundsätzlich als klimaneutral gilt. Wie stehen Sie zu diesem Ansatz?

Davon halte ich gar nichts. Umweltpolitik muss international und ganzheitlich betrachtet werden, mit sogenannten Ökobilanzen, die den gesamten Entstehungs- und Nutzungsprozess bis hin zum Recycling einbeziehen. Alles andere ist nationaler Populismus, in diesem Fall europäischer Populismus.

Die Wissenschaft plädiert dafür, die CO₂-Gesamtbilanz des Lebenszyklus eines Fahrzeugs, also von der Herstellung über die Nutzung bis zum Recycling, zu betrachten. Welche Rolle sollten aus Ihrer Sicht E-Fuels bei der Anrechenbarkeit spielen? Immerhin sind E-Fuels gesamtbilanziell klimaneutral.

Wie schon gesagt, für mich gibt es nichts Nachhaltigeres, als mit schon produzierten Fahrzeugen klimaneutral weiterzufahren. Und das geht eben nur mit E-Fuels.