Interview Gerhard Walter

Als Standort für die Wasserstofftechnologie ruhen große Hoffnungen auf der einstigen Kohlehochburg Lausitz. Im Interview berichtet Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD), warum E-Fuels künftig eine deutlich größere Rolle bei der Energiewende einnehmen werden.

Blaupause für die Transformation

Herr Steinbach, im Zuge der Energiewende und des damit verbundenen Kohleausstiegs steht die Lausitz vor großen strukturellen Herausforderungen. Gerade dort soll jetzt ein neues Speicherkraftwerk auf Wasserstoffbasis entstehen und zukunftssichere Arbeitsplätze schaffen. Welchen Stellenwert hat das Vorhaben für die Region?

Das „Referenzkraftwerk Lausitz“ ist ein Energieforschungsprojekt, das vom Bundeswirtschaftsministerium als ein „Reallabor der Energiewende“ ausgewählt wurde und gefördert wird. Mit dem Referenzkraftwerk soll demonstriert werden, wie die verschiedenen Dienstleistungen und Produkte eines fossilen Kraftwerks – zum Beispiel Regelenergie, Spannungshaltung oder Frequenzhaltung – auf Basis von erneuerbaren Energien bereitgestellt werden können. Ein wichtiges Modul dieses Kraftwerks ist die Speicherung von erneuerbarem Strom in chemischer Form – als Wasserstoff. Das Vorhaben hat erhebliche Bedeutung für die Region, weil es exemplarisch die Zukunft von Kraftwerksstandorten in einer auf erneuerbaren Energien basierenden Energieversorgung aufzeigen soll. Es ist zwar ein Demonstrationsprojekt, aber gezielt so angelegt, dass es skalierbar ist und damit eine Blaupause darstellt für die Transformation der Kraftwerksstandorte der brandenburgischen und sächsischen Lausitz und darüber hinaus.

Warum bietet sich gerade die Lausitz als Standort zur Erzeugung von grünem Wasserstoff und für Power-to-X-Technologien an?

Das bringt uns zur Nationalen Wasserstoffstrategie, an der die Bundesregierung gerade arbeitet. Welche Erwartungen haben Sie an die Strategie?

Der Verkehrssektor wird auf lange Sicht auf flüssige Energieträger angewiesen sein. Welche Rolle spielt die Produktion von synthetischen klimaneutralen Kraftstoffen mittels grünem Wasserstoff?

Studien zeigen, dass der Bedarf für Elektrolyse-Technologie weltweit rasant zunehmen wird. Entscheidet sich möglicherweise in der Lausitz, ob und in welchem Umfang diese Technologie zu einem wichtigen Exportschlager wird?

Da sind zum einen die vorhandene exzellente Infrastruktur aus Energienetzen für Strom und Gas, das vorhandene Know-how und die hochqualifizierten Facharbeiter aus dem Energiesektor. Und da sind zum anderen der schon heute hohe Anteil an erneuerbaren Energien und das vorhandene zusätzliche Potenzial beispielsweise für die Photovoltaik. Schließlich gibt es mit Schwarzheide oder Eisenhüttenstadt große Industriestandorte, die künftig einen erheblichen Bedarf an grünem Wasserstoff haben werden. Auch die Raffinerie in Schwedt zählt dazu. Aber, was in der Diskussion immer wieder betont werden muss: Das Thema „grüner“ Wasserstoff ist zuallererst ein industriepolitisches! Wir müssen schnell einen Heimatmarkt für Wasserstofftechnologien aufbauen, um eine Markt- und Technologieführerschaft zu erreichen. Ziel ist es dabei, den Brandenburger Überschussstrom, der aufgrund mangelnden Netzausbaus nicht in Regionen mit Bedarf übertragen werden kann, einer Wertschöpfung zuzuführen – Stichwort Sektorkopplung.

Meine Erwartungen könnten höher nicht sein. Mit der Wasserstoffstrategie muss die Bundesregierung die jahrelange Fixierung auf den Energieträger Strom beenden und die Weichen für die Energiewende so stellen, dass auch der Energiebedarf der anderen Sektoren – Wärme, Industrie und Mobilität – tatsächlich sukzessive mit erneuerbaren Energien gedeckt werden kann. Die Energiewende wird nur mit einem Mix der Energieträger funktionieren, nicht mit Strom alleine. Wir brauchen Elektronen UND Moleküle. Die Strategie muss kurzfristig umzusetzende Schritte aufzeigen, mit denen der schnelle Aufbau eines Heimatmarktes für Wasserstofftechnologien gelingen kann. Wichtigste Voraussetzung dafür ist eine Marktnachfrage nach grünem Wasserstoff, für die die „grüne“ Eigenschaft einen Wert bekommen muss, weil er den Preiswettbewerb mit konventionellem, grauem Wasserstoff sonst nicht gewinnen kann.

Sie wird meines Erachtens eine deutlich größere Rolle spielen, als viele im Moment glauben. Die Diskussion hierüber kreist leider immer noch viel zu sehr um das Thema Wirkungsgrad. Dabei wird seltsamerweise immer davon ausgegangen, dass wir die komplette Menge der benötigten synthetischen Kraftstoffe, der sogenannten E-Fuels, in Deutschland produzieren, mit dem hierzulande begrenzten Potenzial erneuerbarer Stromerzeugung. Durch diese Brille betrachtet, wird dann Strom aus erneuerbaren Energien zu einem knappen, kostbaren Gut, welches so effizient wie möglich verwendet werden muss. Auch die untauglichen Vorschläge, die Verwendung von grünem Wasserstoff gezielt zu steuern beziehungsweise an bestimmten Stellen wie dem Straßenverkehr auszuschließen, basieren auf dieser Sichtweise. Die hohen CO2-Kosten im Straßenverkehr sind aber der größte Hebel für einen marktbasierten Hochlauf von Wasserstofftechnologien – den müssen wir nutzen! Was hier immer noch übersehen wird, ist, dass es Gegenden auf der Welt gibt, in denen die Produktion einer Kilowattstunde Solarstrom schon heute weniger als 1,5 US-Cent kostet. Bei diesen Kosten spielt der Wirkungsgrad schlicht keine Rolle mehr. Strom wird zu einer Primärenergie wie Rohöl. Die Umwandlung in chemische Energieträger wie Wasserstoff oder Methanol ist dann die einzige Möglichkeit, erneuerbare Energien zu speichern und über lange Strecken zu transportieren, und damit die Voraussetzung für einen internationalen Markt für erneuerbare Energieträger.

Vielleicht nicht in der Lausitz alleine, aber auch in der Lausitz. Wir haben im vergangenen Jahr eine Potenzialstudie in Auftrag gegeben. Wir wollten wissen, welches Arbeitskräftepotenzial in Wasserstofftechnologien für Brandenburg steckt. Ergebnis: Wenn es uns gelingt, die Produktion von nur 10 Prozent der Elek­trolysekapazität nach Brandenburg zu holen, die die großen Klimastudien in Deutschland für zwingend notwendig halten, könnten alleine daraus – nur aus dem Anlagenbau – rund 7.000 neue Arbeitsplätze entstehen. Das zeigt deutlich, wie sinnvoll und wichtig es ist, sich als Wirtschaftsminister intensiv um dieses Zukunftsthema zu kümmern. Aber die Voraussetzung dafür ist jetzt tatsächlich das Schaffen der Rahmenbedingungen, auf die so viele Akteure, die bereits in den Startlöchern stehen, sehnsüchtig warten. Und da ist jetzt vor allem die Bun­desregierung am Zug.

„Wir müssen schnell einen
Heimatmarkt für Wasserstoff-
technologien aufbauen, um eine Markt- und Technologieführerschaft zu erreichen.“

Jörg Steinbach ist Minister für Wirtschaft, Arbeit und Energie des Landes Brandenburg. Der Sozialdemokrat und promovierte Chemieingenieur war unter anderem in leitender Funktion bei der Schering AG sowie als Präsident der TU Berlin und als Gründungspräsident der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg tätig. Steinbach ist verheiratet und Vater von drei Kindern.