Interview Gerhard Walter

Michael Theurer, stellvertretender Vorsitzender der FDP-Bundestags­fraktion und überzeugter Marktwirtschaftler, sagt: Ökologie und Ökonomie können einander sinnvoll ergänzen – etwa durch den Einsatz synthetischer Kraftstoffe und die Bepreisung von CO2 über den Emissionshandel.

„Das Weltklima kann nur
inter­national geschützt werden.“

Das Weltklima kann nur international geschützt werden. Nationale Alleingänge, die lediglich dazu führen, dass CO2-intensive Industrien abwandern, helfen dem Klima nicht und zerstören obendrein Arbeitsplätze und Wohlstand. Deshalb sind europäische und weltweite Lösungen immer besser. Allerdings kann und muss Deutschland eine Vorbildfunktion einnehmen. Wir sollten zeigen, dass Ökologie und Ökonomie keine Gegensätze sein müssen.

Vor kurzem haben Sie sich öffentlichkeitswirksam für klimaneutrale synthetische Kraftstoffe ausgesprochen. Worin liegen die Vorteile dieser E-Fuels, etwa im Vergleich mit der batterieelektrischen Mobilität?

Für E-Fuels braucht man keine neuen Fahrzeuge, sondern man kann bestehende Fahrzeuge klimaneutral machen. Wenn die Herstellung eines Batterieautos bereits so viel Kohlendioxid freisetzt wie 100.000 Kilometer eines Diesel-Kfz, dann wäre ein verfrühter Flottenaustausch nicht klimafreundlich. Und Langstreckenflüge lassen sich mit batteriebetriebenen Flugzeugen nicht bewältigen. Hier sichern E-Fuels perspektivisch die klimaneutrale Mobilität.

Herr Theurer, die Bundesregierung plant ein Klimaschutzgesetz. Welche Punkte sind Ihrer Fraktion dabei wichtig?

Synthetische Kraft- und Brennstoffe werden zuweilen mit Skepsis betrachtet. E-Fuels seien derzeit unbezahlbar teuer und ineffizient, sagt etwa der Grünen-Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer. Ein nachvollziehbares Argument?

Ja und nein. Sie sind relativ ineffizient, wenn man bei der Klimabilanz die Herstellung von Batterien ignoriert. E-Fuels sind vor allem auch deshalb teuer, weil der Ordnungsrahmen des Staates nicht stimmt:  Das der Luft entnommene CO2 wird nicht vergütet und für selbst hergestellten und genutzten Strom muss Mehrwertsteuer und EEG-Umlage bezahlt werden, aber im Gegensatz zur Nutzung für Batterieautos bekommt man keine Einspeisevergütung. Der Staat ist hier also der Innovationskiller.

Der Mitgründer der Firma Sunfire, Nils Aldag, fordert, dass synthetische Kraftstoffe wie Elektroautos gefördert werden müssten. Inwiefern ist das eine sinnvolle Forderung?

E-Fuels lassen sich nicht nur als Kraftstoffe im Verkehr, sondern auch als Brennstoffe im Wärmemarkt einsetzen. Für welche Bereiche sehen Sie bei E-Fuels derzeit das größte Anwendungspotenzial?

Inwieweit wären E-Fuels eine Möglichkeit, Wachstum zu generieren und zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen?

Forschung sollte technologie­offen gefördert werden. Zudem sollte kein willkürliches Förderungs­dickicht aufgebaut werden, sondern es müssen faire Rahmenbedingungen geschaffen werden. Wenn der Verkehr, wie von den Freien Demokraten gefordert, in den Emissionshandel aufgenommen wird, kommt das E-Fuels zugute. Dadurch werden CO2-haltige Kraftstoffe belastet und E-Fuels entlastet.

Nicht nur bei der CO2-Steuer, sondern ganz generell bei Klimaschutzvorhaben stellt sich die Frage: Wäre eine europäische Lösung nicht besser als ein nationaler Alleingang?

Inwiefern ließe sich die Verringerung von CO2 mit anderen, vielleicht wirksameren Mitteln erreichen?

Die Bundesregierung plant ein Gesetz, das mit Ge- und Verboten dirigistisch in einzelne Sektoren der Wirtschaft eingreift. Das ist bürokratisch und ineffizient. Die Freien Demokraten setzen dagegen auf marktwirtschaftliche Instrumente in einem funktionsfähigen Ordnungsrahmen. Der CO2-Ausstoß muss einen Preis bekommen. Deshalb wollen wir den Emissionshandel auf alle Bereiche ausdehnen, etwa auf Verkehr und Wärme.

Eine ganze Reihe wissenschaftlicher Studien kommt zu dem Ergebnis, dass die Ausweitung des Emissionshandels die mit Abstand beste Methode ist, um die CO2-Reduktionsziele mit den geringsten Kosten für Bürger und Volkswirtschaft zu erreichen. Auch die Berater der Bundesregierung sehen dies so. Allerdings ist für die Ausweitung die Zustimmung der anderen Mitglied­staaten in der EU nötig. Deutschland könnte aber mit gutem Beispiel schon jetzt vorangehen.

CO2 muss einen Preis haben – und den hat es im Bereich Energie, in Teilen der Industrie sowie im Flugverkehr schon heute über den Emissionshandel. Dabei wird eine maximale CO2-Menge vorgegeben; der Preis bildet sich dann am Markt. Das ist zielgenauer als jede CO2-Steuer. Vor allem aber ist es technologieoffen und fördert Innovation.

Die Diskussion über den Klimaschutz wird im Augenblick vor allem über die Einführung einer CO2-Steuer geführt. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Das Weltklima kann nur international geschützt werden.
Michael Theurer,
ist seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestags und stellvertretender Vorsitzender der FDP-Bundestags­fraktion. Der 52-Jährige leitet in der Fraktion den Bereich „Vorankommen durch eigene Leistung“, der sich mit den Themen „Arbeit und Soziales“, „Gesundheit“, „Tourismus“ sowie „Wirtschaft und  Energie“ befasst.

E-Fuels haben einerseits Potenzial als leicht auf überwiegend bereits bestehende Infrastruktur transportierbarer Energieträger und als Brückentechnologie, andererseits vor allem dort, wo es absehbar keine andere klimaneutrale Alternative gibt, etwa im Flugverkehr. Nützlich ist, dass man die für E-Fuels notwendige Herstellung von Wasserstoff auch für die Brennstoffzelle braucht, die im Individualverkehr über den Lebenszyklus klimaschonender ist als das Batterieauto. Darüber hinaus können E-Fuels auch klassisches Erdgas in der Wärmeversorgung ersetzen. Das ist alles eine Frage der Verfügbarkeit.

Natürlich wäre die Schaffung von Anlagen für E-Fuels ein großes Industrieprojekt und die konkrete Herstellung möglicherweise auch ein Strukturförderungsprogramm für Südeuropa. Doch vor allem könnten durch die Wasserstoff-Brennstoffzelle und E-Fuels Wachstumseinbußen und Arbeitsplatzverluste in der Automobil- und Zulieferindustrie abgewendet und rund 100.000 Arbeitsplätze gesichert werden.